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Archiv der Kategorie Gemeinschaftsschule

Frieden und Krieg

Dienstag, 19.07 2011. In ganz NRW heulen die Sirenen. Tausende strömen auf die Straßen und liegen sich weinend in den Armen. Fast vierzig Jahre Schulkrieg sind zu Ende, es herrscht endlich Schulfrieden im Lande! Wo immer man hinschaut, kriechen aus den Trümmern der zerbombten Schulen Schüler und Lehrer ans Tageslicht. Vierzig Jahre haben sie in unterirdischen Klassenzimmern den feindlichen Angriffen der Politeska standgehalten und Unterricht gemacht. Eine Lehrerin - sie muss die tränengefüllten Augen vor der Sonne zusammenkneifen - spricht für tausende anderer Lehrer: “Die Diktatur des schulpolitischen Blablah ist tot! Es lebe die pädagogische Vernunft!” Hannelore Kraft, wie immer volksnah am Tresen der kleinen Eckkneipe stehend, strahlt: “Dieser Frieden ist der beste Beweis, dass es ihn gibt!” Die Frage, wer genau mit “ihn” gemeint ist, kann sie nicht mehr beantworten: Sie stürzt beim Versuch den Barhocker zu besteigen ab. Ein herbeigerufener Arzt stellt die Diagnose: volltrunken vor Glück! CDU-Landeschef Röttgen strahlt gleichfalls und erklärt: “Für die CDU stand die 100jährige Laufzeitverlängerung der Hauptschule unerschütterlich fest. In dieser Zeit wollten wir eine bessere Schule aufbauen, eine, die nur mit sekundaren Lehrern und Schülern auskommt. Die Katastrophe in Japan hat uns jedoch zum Umdenken bewegt und deshalb sind wir mit der sofortigen Abschaltung der Hauptschule zugunsten einer Sekundarschule einverstanden!”
Sylvia Löhrmann, aktuelle Schulministerin mit grünem Lebenslauf, pflichtet dem bei und kann  vor Begeisterung gar nicht mehr aufhören zu reden. “Wir müssen die Schulen jetzt vollkommen neu aufbauen”, redet sie. “Wir suchen deshalb Trümmerschüler und Trümmerschülerinnen sowie Trümmerlehrer und Trümmerlehrerinnen. Selbstverständlich sind auch Trümmermütter und Trümmerväter willkommen. Die neue Schule soll grün werden, aber auch rot und schwarz und gelb sind willkommene Farben. Die neue Schule soll alle Schüler glücklich machen. Die Schülerinnen natürlich auch. Und die Lehrer und Lehrerinnen. Und auch die Schülermütter und Schülerväter sowie Schülerinnenmütter und Schülerinnenväter! Und alle sollen sich singend und hüpfend an den Händen fassen, besonders die Kommunen, die sich jetzt eigene Schulen basteln können. Und dann wollen wir noch …”
Halt! Dies ist nur ein Traum!
Die Realität sieht anders aus. Der Schulfrieden ist nicht für die Ewigkeit, sondern nur für die nächsten 12 Jahre geschlossen worden! In diesen 12 Jahren wird sich die Politeska für den danach geplanten neuen Schulkrieg bis an die Zähne neu bewaffnen. Und zwar zunächst mit Experten, die Tonnen von Expertisen darüber anfertigen werden, welche Kompetenzen Schule eigentlich vermitteln muss, damit am Ende genug Experten vorhanden sind. Die geistige Niveaulosigkeit dieser Expertisen wird beim Ausbruch des neuen Schulkriegs die Pädagogik an den Schulen derart kontaminieren, dass man sie nirgends mehr wird endlagern können, noch nicht einmal in Fukushima. Rekrutieren wird man für den neuen Krieg auch weitere Scharen mittelmäßiger Juristen. Diese werden, so wie sie es jetzt schon tun, die Kampfmitteldepots mit tausenden von neuen Erlassen auffüllen. Ihr jedes spontane und kreative Handeln tötende Nervengift, das sich speist aus der verhängnisvollen Kombination von geistiger Leere und Aufgeilung an sprachlicher Verquastheit, wird den Gedanken der Erziehung an den Schulen sekundenschnell umbringen. Übrig bleiben wird am Ende eine Erkenntnis. Es wird nur keinen mehr geben, der fähig sein wird zu erkennen, dass sie eine ist. Also wird man beschließen, eine neue Schule zu …
Halt! Dies ist doch nur ein Albtraum.
Hoffentlich!

Das große Rumgeeier

Nach dem großen Wahltamtam zum Thema “Schule”, in dem sich die SPD mehr Kompetenz in der Bildung zusprach als allen anderen Parteien, schenkte Ministerpräsidentin Kraft das Schulministerium einfach der Vorsitzenden der Grünen, Sylvia Löhrmann. Die dachte als ehemalige Gesamtschullehrerin, das werde schon gutgehen, eine ehemalige Grundschullehrerin habe es schließlich auch gekonnt, und nahm den Job an. Als erstes ermahnte sie dann zum auslaufenden Schuljahr 2009/2010 in der WAZ die Lehrer der Gymnasien, nicht so viele Sitzenbleiber zu produzieren. Eine Aufstockung der Lehrerstellen zur Beseitigung von Klassen mit 33 Schülern stellte sie nicht in Aussicht. Auch nicht eine Senkung der Anforderungen, damit jeder Schüler, unabhängig von seiner Intelligenz und seiner Lernwilligkeit, die gymnasialen Hürden schafft.
Zu Beginn des Schuljahres schrieb Ministerin Löhrmann einen Brief an die Lehrerinnen und Lehrer. Darin stand, dass sie sich auf alles Mögliche freut. Und dass sie Lehrer, Schüler und Eltern mitnehmen will. Ach ja, und dass die Qualität des Unterrichts verbessert werden soll, und zwar durch Fortbildung.
Anschließend las man ab und zu was in der Zeitung. Zum Beispiel, dass die Gemeinschaftsschule als Modellvorhaben gestartet wird. Ein paar Schulen dürfen sich anmelden, der Rest nicht, sonst wärs ja kein Modellvorhaben. Die CDU witterte dahinter Subversion (sprich: Einfühung einer Gemeinschaftsschule durch Schaffung von Tatsachen), wandte sich dann aber anderen Themen zu. Heute konnte man in der WAZ lesen, dass es für die Rückkehr der Gymnasien zum neunjährigen Abi “Hürden” gibt. Die Gymnasien, die parallel acht und neun Jahre anbieten wollen, müssen sich praktisch sofort entscheiden. Das Ganze wird wissenschaftlich begleitet, um “Vor- und Nachteile zu vergleichen” (WAZ, 4.10.2010). Vor- und Nachteile von was? Dem Nebeneinander von zwei Modellen in einer Schule? Dem Abi nach acht Jahren? Dem Abi nach neun Jahren? Man darf gespannt sein, ob sich im Lande eine einzige Schule findet, die sich dem Wahnsinn aussetzt und in einer Zeit, in der in der Oberstufe zwei Jahrgänge gleichzeitig zum Abitur gebracht werden müssen, Löhrmanns Parallel-Spielereien mitmacht.
Warnen muss man davor auf jeden Fall! Die SPD hat nämlich die Gemeinschaftsschule nicht etwa aufgrund eines breiten wissenschaftlichen Konsensus, dass längeres gemeinsames Lernen tatsächlich besser ist, auf ihre Fahnen geschrieben, sondern einfach nur so, um sich politisch von der CDU abzusetzen. Und weil der Begriff “Gemeinschaft” einfach klasse klingt in einer Zeit gieriger Banker und anderer die Gemeinschaft schädigender gewissenloser Schmierlappen.
Klingt zu holzschnittartig? Zu polemisierend?
Gemach, Freunde des eleganten Diskurses!
Am 02.September 2010 (Spiegel Online) hat kein anderer als die SPD im Saarland die CDU(!!!), die Grünen, die FDP(!) und die Linken schwer geschockt, indem sie Knall auf Fall aus dem Projekt “Länger lernen in einer Grundschule mit 5 Schuljahren” ausgestiegen ist. Um dieses Projekt realisieren zu können, hätte im Saarland die Verfassung geändert werden müssen. Eigentlich, so Schulminister Kessler (Grüne), waren sich alle Fraktionen einig, dass dies geschehen soll. Doch die SPD verlor nach einer Beratung mit Peter Daschner vom Hamburger Institut für Lehrerbildung einfach die Lust - zu bedrohlich stellte sich plötzlich der Wähler dar, der per Volksentscheid die Politiker für ihre Selbstherrlichkeit abstraft.
Nun will die SPD im Saarland die Gemeinschaftsschule ins Leben rufen! Mit 23 Schülern pro Klasse!!! Sollte der Wähler aus irgendeinem Grund dagegen sein, wird die SPD per Telefonkonferenz (so im Falle der verlängerten Grundschulzeit geschehen) die Idee wieder fallen lassen. Und eine andere grandiose Idee aus dem Hut zaubern. Zum Beispiel die: Die Paradiesschule - gemeinsames Lernen von Jung und Alt auch über den Tod hinaus!

Rot-Grüne Schulpolitik

Wie die FAZ herausgefunden haben will, haben sich die SPD und die Grünen in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt, das Schulsystem grundlegend umzubauen. So sollen bis 2015 mindestens 30 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in der Sek I zu Gemeinschaftsschulen zusammengeführt werden. Die neue Schulministerin Löhrmann ist sich sicher, dass längeres gemeinsames Lernen das Bildungssystem leistungsstärker und gerechter macht. Dass man in Berlin damit ganz andere Erfahrungen gemacht hat, stört nicht weiter. Dass wissenschaftliche Untersuchungen die These als äußerst fragwürdig erscheinen lassen, auch nicht. Wichtig ist, dass sie gut klingt.
Rot-Grün will das neue seligmachende System aber nicht mit Brachialgewalt einführen, sondern mit allen beteiligten “Akteurinnen und Akteuren” einen Konsens erzielen. Politikersprache verrät sich eigentlich immer selbst: ein Akteur tut nicht wirklich was, er spielt nur, was der Dramen-Text ihm vorgibt. Ein wenig präziser wird die Sprache da, wo es darum geht, dass nichts mit Druck geschehen soll, sondern gemeinsam mit den Städten und Gemeinden. Von Eltern, Schülern und Lehrern ist nirgendwo die Rede. Muss ja auch nicht sein, es geht ja schließlich nur um Schule.

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