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Archiv der Kategorie G8 Schulzeitverkürzung
Von der Qualitätskontrolle zur fetten Pommes
2.12.2010 von NRW-Schulblog.
Das dürfte noch in guter Erinnerung sein: Mit großen Tamtam startete die damalige Schulministerin Barbara Sommer im Jahr 2006 die Qualitätsanalyse an den Schulen. Schulinspektoren, bewaffnet mit Laptops, bzw. den darauf befindlichen Analyseprogrammen, fielen in die Schulen ein und verwahrten sich erst einmal unisono gegen das Wort “Kontrolle”. Nein, Kontrolle sollte die Schulinspektion nicht sein, vielmehr Hilfe zur Qualitätssteigerung durch Evaluation. Was folgte, waren stundenlange Konferenzen, in denen die Inspektoren der gesamten Schulgemeinde klarmachten, was sie eigentlich wollen und was nicht. Dann ging’s los: Schülerlotsen lotsten nach einem ausgeklügelten Plan die Inspektoren in die Klassen (immer mit Überraschungseffekt, weil man ja - ein Beweis echten Humors! - das “wahre” Schulleben kennenlernen wollte), wo sie 20 Minuten verweilten und alle möglichen Daten in ihre Laptops reinhackten. Nach zwei Wochen waren sie dann fort, um bald mit einer Marathonkonferenz wiederzukommen. Unterstützt von Power-Point-Präsentationen zeigten sie auf, welche Stärken und welche Schwächen die jeweilige Schule hat. Zielvereinbarungen wurden formuliert und unterschrieben, die Fachkonferenzen in zeitraubende Curriculumdiskussionen und -erarbeitungen getrieben, ja, es war in der beschaulichen NRW-Schullandschaft mal richtig was los, sozusagen Stressfaktor XXL.
Nun neigt sich bald das Jahr 2010 seinem Ende zu, und es stellt sich die Frage: Hat sich seit dieser Qualitätskontrolle irgendetwas an der Qualität unserer Schulen zum Besseren verändert?
Die soeben erschienene Studie von McKinsey “How the world’s most improved school systems keep getting better” greift das Thema “Qualitätverbesserung des Unterrichts” zum ersten Mal global auf. Weltweit wurden 575 Reformaßnahmen analysiert und dazu Interviews mit über 200 Lehrern und Wissenschaftlern geführt. Die erste Erkenntnis ist: strukturelle Änderungen (z.B. längeres gemeinsames Lernen), Verlängerungen oder Verkürzungen von Schuljahren bringen wenig. Viel mehr Erfolg hat dagegen die Maßnahme, bereits in der Lehrerausbildung die Qualität des Lehrens zu verbessern (strenge Auswahl der Bewerber, mehr Praxisbezug). Als besonders förderlich haben sich eine Stärkung der Eigenverantwortung der Schulen (Dezentralisierung), ein gezieltes Coaching der Lehrer und gegenseitiges Feedback zum Unterricht sowie Karrierepfade mit entsprechend gestuftem Gehalt für die Spezialisierung von Lehrkräften herausgestellt.
Ist von solchen Maßnahmen irgendetwas in NRW bekannt? Haben die Bezirksregierungen den Schulen mehr Eigenverantwortung bei der Planung und Durchführung ihres Unterrichts zugebilligt? Ist die Unterrichtsbelastung der Lehrer irgendwo reduziert worden, damit man sich endlich mal Zeit nehmen kann, einen Kollegen im Unterricht zu besuchen und ihm eine Rückmeldung zu geben? Nachdem man erst einmal an der Schule eine Atmosphäre geschaffen hat, in der solche Besuche als Hilfe und nicht als von oben verordnete “Unterrichtsspionage” zum Zwecke der dienstlichen Beurteilung empfunden werden? Hat jemand irgendetwas davon gehört, dass Bemühungen um Verbesserung der Unterrichtsqualität mit Karriere belohnt werden?
Dem Autor dieses Beitrags ist nichts dergleichen bekannt.
Stattdessen hat man dem System Schule den Ganztag verordnet und dazu die schöne Homepage www.ganztag.nrw.de gebastelt. Hier gibt es allerlei Buntes an Gedanken und dazu noch Gaga-Lyrik für den Freund der hohen Sprachkunst. Zum Beispiel wenn die Rede davon ist, “die Zeitstunden des gebundenen Ganztags, die nicht durch Unterricht gebunden sind, für ein integriertes Konzept von Lernzeiten zu nutzen, das Hausaufgaben weitestgehend überflüssig macht und damit den Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit mehr Flexibilität einräumt.” Oder wenn man liest: “Jede gebundene Ganztagsschule bietet (…) eine Mischung aus dem überschaubaren verpflichtenden Teil (integrierte Lernzeiten) und aus weiteren freiwilligen Angeboten (von der Theatergruppe bis zur Schülerfirma)”.
Soweit die Welt der im Traum Verirrten.
Die Wirklichkeit, mit der sich Lernende und Lehrende tagtäglich auseinandersetzen zu haben, sieht dagegen so aus: Am Nachmittag findet ganz gewöhnlicher Unterricht statt. Das heißt: All die Stunden, die man wegen der verkürzten Schulzeit nicht mehr vormittags unterbringen konnte, sind in den Nachmittag verlagert worden. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Nach der 6. Stunde erst einmal irgendwo was zu essen bekommen. Dazu meidet man aber die Mensa, da da Essen dort meist aus irgendeiner zerkochten Pampe besteht (s. Bericht zur Qualität des Mensaessens weiter unten!). Die Pommesbude oder der Pizzabäcker sind gefälliger; zwar ist das Essen wegen des Fettgehalts gesundheitsschädlicher als das aus der Mensa, aber es schmeckt wenigstens und man kann auch nach außen dokumentieren, dass man es sich leisten kann, teurer als in der Mensa zu essen.
Durch die dann anstehenden zwei Unterrichtsstunden mogelt man sich mit vollgeschlagenem Bauch irgendwie durch. Das geht auch nicht anders, denn der Kopf ist von 8 Uhr morgens permanent mit Wissen vollgestopft worden, jetzt, am Nachmittag, sagt das Schülergehirn einfach: “Nichts geht mehr. Weder rein noch raus”. Wenn es endlich auf 16 Uhr zugeht, ist bei allen Beteiligten lediglich ein einziger Effekt zu vermelden: Erleichterung, dass es vorbei ist. Von einer wie auch immer gearteten Qualität des Lehrens und Lernens ist man dabei so unendlich weit entfernt, wie die Mozartkugel von der Mozartmusik.
Und unsere neue Schulministerin Sylvia Löhrmann? Die, hört man, bastelt sporadisch an der Gemeinschaftsschule, also wenn es sich gerade mal ergibt und auch nicht zu viel, weil ihr dafür die Mehrheiten im Landtag fehlen. Auf die groß angekündigte Rückkehr zum G9-System hat sie jetzt, wo alle Schulen Nein gesagt haben, auch keinen Bock mehr. Ansonsten freut sie sich darüber, wie weit sie es im Leben gebracht hat, nämlich überraschenderweise bis zu einer Schulministerin. Und zu einem eigenen Chauffeur, der sie in einem Regierungswagen rumfährt. Der unter ökologischen Aspekten eine Dreckschleuder sondergleichen ist. Aber das wäre jetzt ein Thema für einen Öko-Blog. Also lassen wir es hier sein …
Geschrieben in Ganztagsschule, G8 Schulzeitverkürzung | Drucken | 1 Kommentar »
Das große Rumgeeier
4.10.2010 von NRW-Schulblog.
Nach dem großen Wahltamtam zum Thema “Schule”, in dem sich die SPD mehr Kompetenz in der Bildung zusprach als allen anderen Parteien, schenkte Ministerpräsidentin Kraft das Schulministerium einfach der Vorsitzenden der Grünen, Sylvia Löhrmann. Die dachte als ehemalige Gesamtschullehrerin, das werde schon gutgehen, eine ehemalige Grundschullehrerin habe es schließlich auch gekonnt, und nahm den Job an. Als erstes ermahnte sie dann zum auslaufenden Schuljahr 2009/2010 in der WAZ die Lehrer der Gymnasien, nicht so viele Sitzenbleiber zu produzieren. Eine Aufstockung der Lehrerstellen zur Beseitigung von Klassen mit 33 Schülern stellte sie nicht in Aussicht. Auch nicht eine Senkung der Anforderungen, damit jeder Schüler, unabhängig von seiner Intelligenz und seiner Lernwilligkeit, die gymnasialen Hürden schafft.
Zu Beginn des Schuljahres schrieb Ministerin Löhrmann einen Brief an die Lehrerinnen und Lehrer. Darin stand, dass sie sich auf alles Mögliche freut. Und dass sie Lehrer, Schüler und Eltern mitnehmen will. Ach ja, und dass die Qualität des Unterrichts verbessert werden soll, und zwar durch Fortbildung.
Anschließend las man ab und zu was in der Zeitung. Zum Beispiel, dass die Gemeinschaftsschule als Modellvorhaben gestartet wird. Ein paar Schulen dürfen sich anmelden, der Rest nicht, sonst wärs ja kein Modellvorhaben. Die CDU witterte dahinter Subversion (sprich: Einfühung einer Gemeinschaftsschule durch Schaffung von Tatsachen), wandte sich dann aber anderen Themen zu. Heute konnte man in der WAZ lesen, dass es für die Rückkehr der Gymnasien zum neunjährigen Abi “Hürden” gibt. Die Gymnasien, die parallel acht und neun Jahre anbieten wollen, müssen sich praktisch sofort entscheiden. Das Ganze wird wissenschaftlich begleitet, um “Vor- und Nachteile zu vergleichen” (WAZ, 4.10.2010). Vor- und Nachteile von was? Dem Nebeneinander von zwei Modellen in einer Schule? Dem Abi nach acht Jahren? Dem Abi nach neun Jahren? Man darf gespannt sein, ob sich im Lande eine einzige Schule findet, die sich dem Wahnsinn aussetzt und in einer Zeit, in der in der Oberstufe zwei Jahrgänge gleichzeitig zum Abitur gebracht werden müssen, Löhrmanns Parallel-Spielereien mitmacht.
Warnen muss man davor auf jeden Fall! Die SPD hat nämlich die Gemeinschaftsschule nicht etwa aufgrund eines breiten wissenschaftlichen Konsensus, dass längeres gemeinsames Lernen tatsächlich besser ist, auf ihre Fahnen geschrieben, sondern einfach nur so, um sich politisch von der CDU abzusetzen. Und weil der Begriff “Gemeinschaft” einfach klasse klingt in einer Zeit gieriger Banker und anderer die Gemeinschaft schädigender gewissenloser Schmierlappen.
Klingt zu holzschnittartig? Zu polemisierend?
Gemach, Freunde des eleganten Diskurses!
Am 02.September 2010 (Spiegel Online) hat kein anderer als die SPD im Saarland die CDU(!!!), die Grünen, die FDP(!) und die Linken schwer geschockt, indem sie Knall auf Fall aus dem Projekt “Länger lernen in einer Grundschule mit 5 Schuljahren” ausgestiegen ist. Um dieses Projekt realisieren zu können, hätte im Saarland die Verfassung geändert werden müssen. Eigentlich, so Schulminister Kessler (Grüne), waren sich alle Fraktionen einig, dass dies geschehen soll. Doch die SPD verlor nach einer Beratung mit Peter Daschner vom Hamburger Institut für Lehrerbildung einfach die Lust - zu bedrohlich stellte sich plötzlich der Wähler dar, der per Volksentscheid die Politiker für ihre Selbstherrlichkeit abstraft.
Nun will die SPD im Saarland die Gemeinschaftsschule ins Leben rufen! Mit 23 Schülern pro Klasse!!! Sollte der Wähler aus irgendeinem Grund dagegen sein, wird die SPD per Telefonkonferenz (so im Falle der verlängerten Grundschulzeit geschehen) die Idee wieder fallen lassen. Und eine andere grandiose Idee aus dem Hut zaubern. Zum Beispiel die: Die Paradiesschule - gemeinsames Lernen von Jung und Alt auch über den Tod hinaus!
Geschrieben in Gemeinschaftsschule, SPD-Schulkonzept, G8 Schulzeitverkürzung | Drucken | 1 Kommentar »
Für Fantasy-Liebhaber: Die Reise in das märchenhafte Land der Vertiefungskurse
7.3.2010 von NRW-Schulblog.
Überbordende Lehrpläne nah am Chaos, auf die Schnelle zusammengeschusterte Lehrwerke voller Fehler, mit fetten Pizzas vollgestopfte, schläfrig im Nachmittagsunterricht abhängende Schüler, entnervte Lehrer, von einer ratlos stammelnden Schulministerin ermahnt, den Kindern weniger beizubringen, verunsicherte Eltern, die ihren vom Schulstress gebeutelten Kindern keine Kindheit mehr verschaffen können, kurzum: die Schulzeitverkürzung.
Gleich dem Fluch eines bösen Zaubrers (sprich: von der Wirtschaft kräftig gesponserten Politikern, die junge Menschen möglichst schnell der industriellen Verwurstung zuführen wollen) hat sich die Schulzeitverkürzung über das schöne Land Nordrhein-Westfalen gelegt und seinen Bewohnern die Hoffnung geraubt, je wieder im Kontext von Schule so etwas wie Glück erleben zu dürfen.
Doch nun ist unerwartet ein Märchen geschehen (also nicht nur ein Wunder, sondern gleich eine signifikant auffällige Häufung von Wundern), und es gilt landesweit laut zu verkünden: Hört, ihr Mutlosen und Verzweifelten! Der Fluch des mächtigen Zaubrers ist gebrochen! Das aus der Schule verbannte Glück ist in dieselbe zurückgekehrt! Schöner, größer und mächtiger als je zuvor kommt es in der strahlenden Gestalt eines Jünglings mit dem wohlklingenden Namen Vertiefungskurs in der Oberstufe!
Man verzeihe dem Autor dieser Zeilen die Begeisterung, aber er steht noch ganz unter dem zauberhaften Bann des Märchens, das soeben auf der Homepage des Schulministeriums erschienen ist Den Rest des Eintrags lesen »
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Skandal im bayerischen Schulministerium
24.2.2010 von NRW-Schulblog.
Wie die Süddeutsche Online heute berichtet, kracht es mal wieder im bayerischen Schulsystem. Nachdem unlängst G8-Schüler gegen den eigenen Schulstress und gleichzeitig die Schonung der “alten” G9-Schüler protestiert haben (wir werden getrieben, die werden gepampert!), kommt nun heraus, dass der bayerische Kultusminister Spaenle den Schulleitern Anweisungen erteilt hat, die G8-Schüler besser zu bewerten. Erlassmäßig hingetrickst hat er das mit einer Aufwertung der mündlichen Noten. Während bei den G9-Schülern die mündliche Note nur einfach, die schriftliche dagegen doppelt fürs Abi zählt, zählt bei den G8-Schülern die schriftliche Note ab sofort nur einfach. Darüber regt sich nun der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus auf und auch Klaus Wenzel, der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), ist mir Kritik und Vorwürfen dabei.
Wir in NRW haben das besser hingekriegt. Um auch hier den Erfolg des G8-Murkses politisch feiern zu können, hat die Schulministerin beschlossen, dass ein Schüler (und natürlich auch eine Schülerin) dann das Abitur zwingend zu bestehen hat, wenn sie in die Sekundarstufe I aufgenommen wurde. Die ersten G8-Schüler, die bereits jetzt am Ende der Sekundarstufe I angekommen sind (Klasse 9), werden daher das Abitur 2013 nicht einfach nur bestehen, sondern mit einer bisher noch nie dagewesenen Bravour meistern!
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Barbara Sommer und die Schülerproteste gegen die Stressschule
23.11.2009 von NRW-Schulblog.
Das sagte Barbara Sommer im Telefoninterview WDR 5, 19.11.09 zu den Schülerprotesten: “Wir appellieren in diesem Zusammenhang auch an die Schulen: Denkt daran, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Schule, denkt daran, dass wir unsere Lehrpläne wirklich verschlankt haben, wir reden hier über Kompetenzen und Kompetenzen sind wichtig hier zu lernen, wie das Lernen geht und es geht sowieso nicht, dass wir alles Wissen, das in der Welt ist, nun in die Schule packen.” Den Rest des Eintrags lesen »
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Erste Ergebnisse der Umfrage zur Schulzeitverkürzung am Gymnasium
17.9.2009 von NRW-Schulblog.
Zu Beginn des Schuljahres verbreitete Barbara Sommer die frohe Nachricht, 85 Prozent der Eltern seien mit der Verkürzung der Schuljahre am Gymnasium zufrieden. Welcher Umfrage sie die imposante Zahl entnommen hat, verschwieg unsere Schulministerin. Ein ganz anderes und differenzierteres Bild ergibt sich, schaut man sich die vorläufigen Ergebnisse einer Online-Umfrage der Bürgerinitiative familiengerechte Bildung und Schule G-IB-8 an. Den Rest des Eintrags lesen »
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