Eine Komödie namens „Qualitätsanalyse“

Seit gut 40 Jahren sorgen sämtliche Landesregierungen NRWs dafür, dass das Schulwesen in unserem Land im Bundesvergleich auf den hintersten Plätzen verharrt. Im Jahr 2016 landeten wir laut dem Institut der deutschen Wirtschaft auf Platz 14 des Bildungsmonitors. Beigetragen hat dazu die schlechte Lehrer-Schüler-Relation, die unzureichenden Investitionen in die Inklusion und Integration, das Vernachlässigen der Grundschulen (über 300 nicht besetzte Schulleiterstellen) und vieles mehr. Ein Schüler ist NRW eben nur 5700 Euro pro Jahr wert, Thüringen 8100 Euro (Quelle: Statistisches Bundesamt 2016) Um nun dieser tristen Realität zu entfliehen, hat sich das Schulministerium vor gut 10 Jahren eine „Qualitätsanalyse“, abgekürzt QA, einfallen lassen, die den Schulen „helfen“ soll, trotz der katastrophalen Bedingungen gute, wenn nicht gar beste Qualität in der Bildung zu liefern. Manche der Schulen haben diese QA bereits zum zweiten Mal mitgemacht, und man kann sich inzwischen nicht des Eindrucks erwehren, dass die QA eine mehr schlecht als recht inszenierte Komödie ist, die dazu noch am Ende tragische Gestalten hinterlässt.

Schauen wir uns doch einmal die drei Akte der Komödie an:
AKT 1.
1. Szene
Das QA-Team, bestehend aus meist drei Mitgliedern, kündigt seinen Besuch an der Schule an. Nun heißt es – ran an die Aufpolierung des Schulprogramms. Vorbei an der Realität der mit Mängeln kämpfenden Schulen (Unterrichtsausfall wegen Erkrankungen der überalterten Kollegien, Probleme mit Inklusionsschülern, noch mehr Probleme mit den Flüchtlingskindern) müssen die Schulprogramme nämlich mit einem Glanz aufwarten, der all diese Mängel überstrahlt. Konkret heißt es (jetzt bei lautem Lesen viel Luft holen!): grundlegende Konzepte aufzeigen, besondere Profilmerkmale hervorheben (Fremdsprachen, einen Sanitätsdienst, eine Sporthelferausbildung, aktuellster Hit: eine Gender-Mainstream-Erziehung), die individuelle Förderung und Beratung von Schülern, die den Anforderungen nicht genügen mitsamt dem überbordendem formalen Aufwand (Listen, Förderempfehlungen, Protokolle der Elterngespräche, Lernvereinbarungen) vorstellen, das gemeinsamen Lernen, die systematische Schulentwicklung, die Beschreibung der Jahrgangsstufen, den Unterricht, hier logischerweise ganz besonders die Vertretung des ausfallenden Unterrichts, die Öffnung von Schule und Schulkultur, die Übermittagsbetreuung, Verkehrserziehung und Informationskultur möglichst wortreich herauskehren. Nach einer ersten Phase folgt ein Ausdruck (meist so um die 200 Seiten, darunter ist zu wenig Glanz) und anschließend noch zig Korrekturen, vor allem des Layouts, denn die Augen des QA-Teams sollen gefällig über den Text gleiten und die dahinter wabernde heiße Luft möglichst übersehen. Da niemand über ein unbegrenztes Zeitkontingent verfügt, versteht es sich von selbst, dass der in hunderte von Stunden gehende Aufwand auf Kosten der Zeit geht, die für eine sinnvolle Vor- und Nachbereitung des Unterrichts und die Betreuung von Schülern verwendet werden müsste. Macht nichts. Lacher in Komödien werden immer auf Kosten anderer gemacht.
2. Szene
Das QA-Team besucht die Schule und erklärt Lehrern, Eltern und Schülern in einem anderthalbstündigen Auftritt, was es will. Einen verbalen Weichspül-Singsang anstimmend, präsentieren sich die Mitglieder des QA-Teams als Heilsbringer, die die Schulen nicht etwa einer peinlichen Inquisitionsprüfung unterziehen wollen, sondern einer Beförderung in das Schulparadies vermittels gut gemeinter Ratschläge. Damit das auch der letzte Hansel im Publikum begreift, bedient sich das QA-Team, wie es für eine Komödie erforderlich ist, lustiger Vergleiche. So hat beispielsweise ein Mitglied des QA-Teams der versammelten Gemeinde eines Gymnasiums erklärt, man könne die Arbeit der QA vergleichen mit der Rolle einer Ehefrau, die eine Wohnzimmerdecke begutachtet, die von dem Ehemann soeben frisch angestrichen worden ist. Da es sich bei dem Ehemann nicht um einen ausgebildeten Maler, sondern einen Amateur handelt, bemerkt die Ehefrau hier und da einen fehlerhaften Anstrich und weist den Ehemann darauf freundlich lächelnd hin. Solches tut auch die QA. Einer Lehrerin, die daraufhin entrüstet monierte, man könne doch nicht ernsthaft die Leistung eines Lehrers mit der eines Amateuranstreichers vergleichen, beschied man, ihr mangele es an Humor. Zu Recht – sie wusste, dass sie Teil einer Komödie ist, und hat trotzdem nicht gelacht.
3. Szene
Das QA-Team führt Gespräche mit Lehrer-, Eltern- und Schülervertretern. Manchmal darf sogar der Hausmeister etwas sagen, auch die Putzfrauen dürfen es. Gleich einem Reigen fröhlicher Musikanten erscheinen nun die jeweiligen Gruppen und singen auf die Schule ein Hohelied. Alles andere würde gegen die Regeln der Komödie verstoßen, denn wer will schon seine Schule an den Pranger stellen und aus der Komödie eine Tragödie machen? Kritik am Schulministerium wegen zu großer Klassen, zu weniger Lehrer, schlechter Schulgebäude, schlechter Ausstattung und Ähnlichem mehr werden mit einem freundlichen Lächeln zur Kenntnis genommen und mit dem nächsten Wimpernschlag vergessen. Bei einer QA wird schließlich nicht das Schulministerium beurteilt, sondern die Schule.

2. AKT
1. Szene
Das QA-Team kommt zu einem Treffen in der Schule zusammen und – die Komödie muss schließlich Fahrt aufnehmen, will sie die Zuschauer nicht vor Langeweile gähnend zurücklassen – denkt sich ein lustiges Teufel-aus-der-Kiste-Spielchen aus. In diesem Spielchen schmiedet das QA-Team einen Plan, wie es möglichst jeden Lehrer und selbstverständlich auch jede Lehrerin im Unterricht blitzartig und völlig unerwartet überfallen kann. Mit kindischer Freude und viel Gekicher (anders kann man sich so etwas als ein ernsthafter Mensch nicht vorstellen) werden Uhrzeiten und Räume möglichst so festgelegt, dass ein Außenstehender keinerlei Regelmäßigkeit und somit Vorhersehbarkeit entdecken kann. Nach gelungener Verteilung reibt sich das QA-Team zufrieden die Hände – der Zuschauer wird ob der überraschten, entsetzten und manchmal gar komplett entgleitenden Gesichtszüge der Überfallenen seinen Spaß haben, und das gleich sechzig oder gar neunzig mal, je nach Größe des Kollegiums.
2. Szene
Der Höhepunkt der Komödie naht, muss aber noch ein wenig der Spannung wegen hinausgezögert werden. Da das QA-Team schon vorher signalisiert hat, dass es sich Vorführstunden wünscht, also eine Show, die an der schulischen Realität komplett vorbeigeht, wird der Unterricht für die Zeit der Qualitätsanalyse nach Kräften zurechtgeschminkt. Und so werden dann die Klassen auf gemeinsame Slapsticks eingeschworen („Wenn ich in die Klasse reinkomme, herrscht auf der Stelle Ruhe!“), die Stillarbeit abgeschafft, da die dabei herrschende Gehirnakrobatik für das QA-Team nicht sichtbar gemacht werden kann, und die Tische als Gruppentische aufgestellt und Gruppenunterricht mit möglichst viel Kladderadatsch (Ausschneiden bunter Streifen, Kreise, Vierecke zum Basteln von Plakaten, Über-Tisch-Diskussionen mit Zuwerfen eines kleinen Balls u.ä.) simuliert. Der Lehrervortrag dagegen wird für die Vorführstunde in der Requisite versteckt, denn in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich jemand ausgedacht, dass Lehrervorträge schädlich fürs Lernen sind und das QA-Team, in eben diesem Jahrhundert fest verwurzelt, hält daran verbissen fest, obwohl das Gegenteil schon längst bewiesen ist. (So wird z. B. bei der neuesten Lernstandserhebung in Deutsch wieder die (Zu-)Hörfähigkeit der Schüler getestet, indem sie minutenlang eine CD vorgespielt bekommen und dann dazu Fragen beantworten müssen.)
3. Szene
Die Tür geht auf und – völlig überraschend (kicher, kicher, kicher) – platzt ein Mitglied der QA in den Unterricht. Und hier entgleitet die Komödie ein wenig in Richtung eines Schmierentheaters – anders als in unserer abendländischen Kultur gepflegt, möchte das QA-Team nämlich ausdrücklich nicht begrüßt werden. Nein, niemand soll aufstehen und einen guten Morgen wünschen; das QA-Mitglied gilt für die auf der Bühne Agierenden als unsichtbar, nur das Publikum klopft sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Mit nichtssagender Miene verzieht sich das QA-Mitglied sodann auf den letzten Platz im Raum, holt seinen Laptop hervor und fängt an, 20 Minuten lang die Show zu beurteilen, indem es in die Tastatur irgend etwas reinhackt. Lehrer und Klasse spielen nach Kräften ihre Rollen, die Künstlichkeit der Situation ist mit Händen greifbar, alle hoffen, dass die fett aufgetragene Schminke nicht unter dem gleißenden Scheinwerferlicht zu fließen anfängt und die oft trostlose Realität preisgibt. Dann endlich sind die 20 Minuten um – das QA-Mitglied hat in der Zeit nach eigener Überzeugung einen umfassenden Eindruck von allem gewonnen -, die Tür wird geöffnet, das QA-Mitglied verlässt den Raum, die Tür fällt zu (von allein, dank scharfer Feuerverhütungsvorschriften!), in der Klasse atmen alle auf und wischen sich die Schminke aus den Gesichtern. Das QA-Mitglied aber eilt – begleitet von jemandem, der sich in der Schule auskennt – zum nächsten Klassenraum, wo es (kicher, kicher, kicher), zur Freude des Publikums wieder jemanden überfallen wird.

3. AKT
Dieser Akt besteht nur aus einer einzigen Szene, in der der Zuschauer in das schulische Taka-Tuka-Land der Qualitätsanalyse entführt wird. Einem in erregter Erwartung harrendem Kollegium wird nun von einem Mitglied der QA vorgelesen, was es gut kann und wo es noch nachbessern müsste. Die hierzu notwendigen Sätze hat das Computerprogramm generiert, das das QA-Team bei den Überfällen (kicher, kicher, kicher) mit irgendwelchen Informationen gefüttert hatte. Egal, wie eine Schule nun agiert hat, findet dieses Programm immer gute Sachen und immer auch schlechte. Gute sind zum Beispiel, dass Eltern, Schüler und Lehrer sich in der Schule wohlfühlen (wer hätte das gedacht?), oder dass Schüler in Gruppenarbeit selbstbestimmt gelernt haben (das Kollegium atmet auf, die Show samt der Maskerade hat funktioniert, Potztausend aber auch!). Schlechte sind, dass im Schulprogramm bei irgendeinem Fach im Curriculum die Art der Klassenarbeiten nicht präzise genug definiert war (blöd: in der Hektik hat die Fachschaft die falsche Version eingereicht), oder dass zu wenig im Unterricht visualisiert worden ist (ja Himmel, nächstes Mal müssen noch mehr bunte Bildchen an die Wand projiziert werden, am besten noch versehen mit WUSCH-Geräuschen, wenn sie verschwinden!). Schlecht ist auch, wenn die Erarbeitungsphasen zu lang waren, ohne dass die Schüler darüber reflektieren konnten, dass sie zu lang waren (nicht verstanden? macht nichts, ist genau so gewollt). Damit auch hier der letzte Hansel mitbekommt, was der Computer geschrieben hat, gibt es meist noch eine Power-Point-Präsentation drauf, die von dem QA-Mitglied Wort für Wort vorgelesen wird, da ja die versammelte Lehrerschaft meistenteils aus Analphabeten besteht. Als Schlusswort gibt es noch den Wunsch eines schönen Abends, und da die Zuschauer noch irgendeinen Gag erwarten, die unverhohlene Drohung, die Negativpunkte schnellstens nachzubessern, man werde wiederkommen! Der Vorhang fällt, die Lichter gehen aus, das Publikum drängt in die Garderobe.

Auf der Bühne bleiben dennoch einige Gestalten. Zum Beispiel ein Inklusionskind, das sich nur schlecht konzentrieren kann und bei den einfachsten Aufgaben anfängt, die Materialien zu zerreißen oder merkwürdige Töne von sich zu geben. Der völlig überforderte Lehrer, der keine Behindertenpädagogik studiert hat, weiß sich nicht anders zu helfen, als dieses Kind an einen separaten Tisch möglichst in der weit entferntesten Ecke des Klassenzimmers zu setzen. Dort lernt es den Rest der Stunde glattweg nichts. Eine entsprechend ausgebildete Lehrkraft, die sich um dieses Kind kümmern könnte, gibt es nicht. Eine andere Gestalt sitzt da und stützt den Kopf so auf die Hände, dass sie einen ziemlich verzweifelten Eindruck macht. Ja, richtig, es ist das Kind, das trotz einer anderslautenden Grundschulempfehlung von den Eltern auf ein Gymnasium geschickt wurde, auf dass es das Abitur mache (weil ja alle anderen Abschlüsse nichts mehr wert sind). Dieses Kind verfügt über alle möglichen Fähigkeiten, nur nicht über die, die rein über den kognitiven Kanal zu realisierenden Kompetenzen des Gymnasiums zu erwerben. Es hat deshalb in der 5. Klasse schon Nachhilfe in Mathematik und in Englisch. Außerdem muss es in der Schule einmal die Woche in der 7. Stunde, in der es eigentlich schon komplett abgeschaltet hat, den Förderunterricht in Deutsch besuchen. Das will so das Schulministerium. Getreu dem Motto: Niemand wird zurückgelassen!, zwingt man das Kind zum Marsch durch den Lernstoff, egal, ob es noch laufen kann oder nicht. In der Mitte der Bühne steht noch eine Gestalt. Es ist ein besonders begabtes Kind. Um dieses Kind kümmert sich niemand. Nah am Hintergrund erkennt man im Dämmerlicht schwach noch ein paar weitere Gestalten. Es sind Flüchtlingskinder, die integriert werden sollen. Da niemand im Schulministerium für diese Kinder irgendein Konzept entwickelt hat, laufen sie einfach so im Unterricht mit. Diejenigen, die in ihren Heimatländern schon eine Schule besucht haben, lernen vielleicht etwas. Sicher ist das nicht, denn dazu gehört ein Übermaß an Eigeninitiative und die Unterstützung der Eltern. Diejenigen, die keine Schule besucht haben und also nicht schreiben und nicht rechnen können, haben Pech gehabt. Auf lange Sicht gibt es keinen, der sich um sie gezielt kümmern kann.

Zum guten Schluss gibt es noch eine interessante Variante der Komödie zu vermelden. Kehren wir zurück in AKT 2 und spielen die 2. Szene bis zum Ende. Statt der 3. Szene kommt aber nun am Vorabend des Besuchs des QA-Teams bei der Schulleitung eine Mail an, dass ein Mitglied des Teams leider erkrankt sei und man deshalb die Fortsetzung der Komödie erst einmal abblasen müsse.
Das Kollegium, schon für die Show fertig geschminkt, blinzelt ungläubig in der Gegend herum. Ein Mitglied ist erkrankt und deshalb fällt die ganze Theatervorstellung aus? Man selbst hat ausufernde Konzepte und Materialien vorlegen müssen für Stunden, die zu vertreten sind, ja gerade hier hat der Dezernent (oder -in) im Vorfeld den größten Stress gemacht, da das Schulministerium den zum Teil massiv ausfallenden Unterricht auf Teufel komm raus vor der Öffentlichkeit verstecken will, und nun ist eben diese Schulbehörde nicht in der Lage, eine Vertretung für das QA-Team zu besorgen? Und hätte es auch nicht gereicht, wenn das QA-Team zu zweit angereist und nur zwei Drittel der geplanten Überfälle durchgeführt hätte (kicher, kicher)? Nun muss die Show mit all ihrem Aufwand demnächst noch einmal gestemmt werden – Empörung, ja sogar Wut machen sich breit.
Und Sarkasmus, denn dem Kürzel „QA“ wird nun die Bedeutung „Qurzfristig Abgesagt“ verliehen.
Mit Sarkasmus soll dieser Blog-Eintrag aber nicht enden, sondern mit einer Moral, die da lautet: Wer Qualität verlangt, sollte erst einmal selbst welche liefern! Auch in einer Komödie!

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