Wir basteln uns ein Gymnasium für alle. Eine Anleitung in wenigen Schritten.

1. Schritt:
Man wiederhole als Bildungspolitiker gebetsmühlenartig, dass das Abitur das einzig selig machende Bildungsziel sei. Mittlere Reife oder gar ein Hauptschulabschluss sorgten dagegen für ein Leben in Armut und ohne jede Zukunftsperspektive.
2. Schritt:
Man überlasse es allein den Eltern zu entscheiden, ob ein Kind gymnasialfähig ist oder nicht. Das Urteil der Grundschullehrer und -lehrerinnen stelle man als letztendlich unqualifiziert dar, ja in vielen Fällen sogar als einen verhängnisvollen Irrtum.
3. Schritt:
Der nun rasant wachsenden Zahl von Kindern, die in die fünfte Klasse des Gymnasiums wechseln, obwohl ihre schulischen Leistungen dagegen sprechen, und die dann unweigerlich versagen müssen, begegne man mit der Einführung von „Entwicklungs- und Förderplänen„, die die Fachlehrerinnen und -lehrer nun für jedes dieser Kinder verfassen müssen. Man gestalte diese Pläne so aus, dass sie erstens eine Unmenge von Schreibarbeit erfordern (Beurteilungen, Darstellungen von Stärken und Schwächen, Gesprächsprotokolle unterzeichnet vom Fachlehrer, Klassenlehrer, Eltern, Schülern, anwesenden Zeugen; Schilderungen häuslicher Situation usw. usf.). Man verlange zweitens Evaluationen, die gemeinsam mit den zu Fördernden und ihren Eltern zu vorher festgesetzten Zeiten erfolgen müssen (z. B. Kalenderwoche 15, dann Kalenderwoche 20, dann Kalenderwoche 22 usw. usf.); selbstverständlich verlange man umfangreiche Protokolle der Evaluationsgepräche mit entsprechenden Unterschriften aller Beteiligten. Man drohe drittens und mit größten Nachdruck den Lehrerinnen und Lehrern an (Aufgabe der Schulleitung!), dass die Förderpläne essentielle Grundlage im Fall von Widersprüchen gegen Nichtversetzungen in anschließenden Gerichtsverhandlungen seien und auf gar keinen Fall den schlimmst denkbaren Fehler im Schulsystem, nämlich den Formalen Fehler enthalten dürften. Von den Förderplänen erwarte man insgesamt, dass das Kind trotz fehlender Begabung im Bereich des rein kognitiven Lernens (und diese Begabung benötigt man außer im Sport in allen anderen gymnasialen Fächern), dass das Kind also trotz fehlender Begabung dennoch die Kompetenzen erreicht, die am Gymnasium Standard sind.
4. Schritt:
Eh schon belastet von unzumutbar großen Klassen (NRW gibt pro Schüler in Deutschland das wenigste Geld aus) und ständigem unbezahltem Vertretungsunterricht, überfordert von sozialen Defiziten, die immer mehr Schülerinnen und Schüler mitbringen und ausleben, entnervt von Eltern, die glauben vorgeben zu können, wie guter Unterricht auszusehen habe (für ihr Kind, versteht sich), eingeschüchtert von einer Schulleitung, die ständig vor formalen Fehlern warnt und den Schrecken des Gerichtsprozesses an die Wand malt, und schließlich der banalen Erkenntnis folgend, dass man in ein Kind alles Mögliche hineinfördern kann nur nicht eine nicht vorhandene Eignung für das Gymnasium, erkennen die Lehrerinnen und Lehrer recht schnell den eigentlich Zweck dieser horrenden und vor allem unsinnigen Mehrarbeit und verzichten fortan auf die Zeugnisnoten „Ungenügend“ und „Mangelhaft“.
5. Schritt:
Man stelle sich hin und verkünde, dass die Einführung der Fördermaßnahmen an den NRW-Gymnasien ein voller Erfolg sei. Innerhalb kürzester Zeit sei die Quote der Sitzenbleiber gegen Null gesunken.
6. Schritt:
Man senke weiterhin das Niveau des Zentralabiturs ab. In Deutsch genügt dann zum Beispiel eine halbwegs passable Paraphrase des Inhalts, analytische Leistungen treten in den Hintergrund.
7. Schritt:
Man verkünde, dass in NRW ein Großteil der Kinder mit dem Abitur die Schule verlasse.
8. Schritt:
Ermutigt von solchen Erfolgen, kremple man die Ärmel hoch und mache sich daran, in NRW die Universität für alle einzuführen.

Jenseits allen Sarkasmus bleibt festzuhalten, dass die Förderpläne ihren Namen nicht verdienen. Die benachteiligten Kinder werden nämlich nicht einem Förderprogramm der Schule zugeführt, da es diese wegen Lehrermangels (bes. MINT-Fächer) kaum irgendwo ausreichend gibt, sondern sie werden mit ihren Problemen einfach nach Hause geschickt. Wenn Sie dann zu vorher festgesetzten Terminen Leistungen erbringen müssen, zu denen sie wegen ihrer nicht vorhandenen gymnasialen Befähigung gar nicht in der Lage sind, erhöht sich für sie der Stress ins Unermessliche. Für die Eltern wiederum bedeutet es nur eines: das Kind zur Nachhilfe anmelden und zahlen.

Reaktion von Yvonne Gebauer, schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im NRW Landtag:


„Die Freien Demokraten teilen Ihre Einschätzung, dass Rot-Grün konsequent eine Absenkung von Qualitäts- und Leistungsstandards am Gymnasium, aber auch an anderen Schulformen vorantreibt. Wir befürchten daher eine schrittweise Entwicklung zu einer leistungslosen Schule, durch die in letzter Konsequenz schleichend alle Abschlüsse entwertet werden. […] (Ihre) Einschätzungen bestätigen m.E. nochmals, in welchem umfangreichen Maße schrittweise eine solche Leistungsnivellierung vollzogen wird. Hierbei werden nicht nur die unverzichtbaren Anforderungen nach und nach zurückgeschraubt, sondern tatsächlich auch eine innere Aushöhlung der Gymnasien umgesetzt, die dem Bildungsauftrag dieser Schulform widerspricht. Für die Vermittlung einer vertieften allgemeinen Bildung ist es notwendig, dass sich hieran auch die Leistungsansprüche orientieren. Diesem Anspruch wird die rot-grüne Landesregierung nicht gerecht. Eine der ersten Maßnahmen bestand vielmehr darin, jedweder Eignungsbefähigung bei der Aufnahmeentscheidung zukünftig keine Rolle mehr zukommen zu lassen. Die Problematik ist hierbei jedoch, dass eine wachsende Zahl von Schülerinnen und Schülern das Gymnasium besucht, ohne diesen unverzichtbaren Leistungsansprüchen zu entsprechen. Die ursprüngliche Absicht ist somit entfallen, Kinder und Jugendliche auch vor Überforderung zu schützen. Nun wird letztlich von SPD und Grünen von den Gymnasien eingefordert, dass sie sich verstärkt um diese Schülerinnen und Schüler kümmern müssten und ein mögliches Scheitern auf die unzureichende Pädagogik der Gymnasien zurückzuführen sei.
Dieses Vorgehen, das in letzter Konsequenz nach wie vor auf die Abschaffung des Gymnasiums abzielt, ist weiterhin erklärtes Ziel insbesondere der grünen Schulpolitik. Im Mittelpunkt stehen nicht individuelle Bedürfnisse, unterschiedliche Begabungen oder Talente, sondern die „eine Schule für alle“. Beste Bildung für alle erreicht man jedoch nicht, indem auf individuelle Talente und Bedürfnisse keine Rücksicht genommen wird.
[…]
Die Freien Demokraten haben z.B. gefordert, dass nach dem Ende des doppelten Abiturjahrgangs jedes Gymnasium gestaffelt nach Größe durchschnittlich eine der nach rot-grüner Lesart nun „überzähligen“ Lehrerstellen etwa zur Stärkung der individuellen Förderung erhält. Die Forderung wurde abgelehnt und mit dem Haushalt 2015 der endgültige Abbau dieser Stellen beschlossen. Es ist absehbar, dass dieses Vorgehen die vielfach bereits bestehende fachspezifische Mangelsituation bei der Lehrerversorgung an Gymnasien deutlich verstärken wird.
Die rot-grüne Betrachtungsweise von Bildungspolitik orientiert sich an dem Ziel, dass alle Kinder gleich sein sollen – und sei es auch gleich schlecht. Ebenso wie auch gegenüber anderen Schulformen, etwa den Realschulen oder auch den Berufskollegs, werden Gymnasien darüber hinaus gegenüber integrierten Schulformen in vielfältiger Hinsicht benachteiligt oder strukturell schlechter gestellt. Das betrifft Fragen der Klassengrößen, des Ganztags und der Schulsozialarbeit ebenso wie Errichtungs- und Organisationsbedingungen.
[…]
Wir werden Ihre wichtigen Hinweise in die weiteren schulpolitischen Diskussionen im Landtag einbinden und auch mit diesen inhaltlichen Fragestellungen weiterhin konsequent die Auseinandersetzung mit der verfehlten Bildungspolitik von SPD und Grünen führen.
Mit freundlichen Grüßen
Yvonne Gebauer MdL“

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