Allein das Geld wars

Am 26.06.2012 hat die Kollegin Anja Schwarz Schulministerin S. Löhrmann einen offenen Brief geschrieben (mitunterzeichnet durch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen), in dem sie ihre Bedenken zu einer vorschnellen Umsetzung des Rechtsanspruchs auf inklusives Lernen ab dem Schuljahr 2013/2014 äußert. Anlass des Briefes ist die Tatsache, dass ab diesem Schuljahr fünf SchülerInnen mit Förderbedarf an ihrer Schule aufgenommen worden sind, was für das Team von sieben Kolleginnen und Kollegen sowie einer Sonderpädagogin eine erhebliche Arbeitsmehrbelastung bedeutet.
Im Wesentlichen werden in diesem Brief folgende drei Punkte angesprochen:
– ein „qualitativ hochwertiges Fortbildungsprogramm“ zur Inklusion ist zwar angekündigt, findet aber noch nicht statt und kann daher im Schuljahr 2012/2013 nicht greifen
– Sonderpädagoginnen und -pädagogen müssen mehrere Inklusionsschulen betreuen, können daher keine kontinuierliche Arbeit leisten, sind bei spontan auftauchenden Problemen nicht ansprechbar und können vor allem nicht zu Bezugspersonen für die Förderkinder werden; hinzu kommt noch, dass laut einer Prognose des Schulministeriums bereits jetzt jährlich 350 Sonderpädagogen oder Pädagoginnen fehlen
– die Einführung des G8 hat zu einer großen Verdichtung der Lernbelastung für die Schülerinnen und Schüler geführt, die Berücksichtigung von Förderkindern daher für ein Kollegium, dem die dazu nötige Ausbildung vollkommen fehlt, eine große Herausforderung und natürlich auch eine große Arbeitsmehrbelastung.
Der Brief schließt mit der Bitte, den Zeitpunkt des Rechtsanspruchs auf einen Inklusionsplatz zu überdenken und zuerst ein solides Forbildungskonzept auf den Weg zu bringen.

Am 28.08.2012 antwortete Thomas Wieners im Namen der Schulministerin in einem sehr ausführlichen Brief. Er versucht, die Bedenken zu zerstreuen, indem er einen Aktionsplan vorstellt, der zukünftig genügend ausgebildete Lehrer und Leherinnen für den Inklusionsunterricht sichert. Welcher Zeitpunkt genau mit „zukünftig“ gemeint ist, bleibt offen. Er berichtet über Qualifizierungsmaßnahmen, „in denen Moderatorinnen und Moderatoren der Kompetenzteams darauf vorbereitet werden, Fortbildungsangebote für Lehrkräfte bzw. Kolleginnen anzubieten, um z.B. Schulen, die erstmalig Kinder mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfen unterrichten, in ihrer Unterrichtsentwicklung und Teamentwicklung zu begleiten“. Er geht auch auf die Überlastung der Schulen wegen des Doppelabiturs ein, kommt aber zu dem Schluss, dass sowohl von der zeitlichen Belastung als auch von den Lehrplänen her alles auf bestem Weg sei, die Situation zu entspannen. Sein Brief endet mit der Bemerkung, dass „bei etwa 5800 öffentlichen Schulen und 180.000 Lehrerinnen und Lehrern in Nordrhein-Westfalen“ das Schulministerium „auf die Unterstützung seiner nachgeordneten Behörden angewiesen“ ist und die entsprechenden Kommunikationsstrukturen geschaffen hat. Die Kollegin Anja Schwarz wird daher gebeten, „in Zukunft (…) bei (…) Anfragen an das Ministerium den Dienstweg einzuhalten“.

Diese Schlussbemerkung, die so wirkt, als sei der Verfasser von dem Aufwand, den ihm die Beantwortung des offenen Briefs bereitet hat, entnervt, diese Schlussbemerkung also unterstreicht noch einmal klar die Haltung des Schulministeriums, trotz aller Bedenken das Gesetz zur Inklusion auf jeden Fall nach Plan durchzubringen.
Nun aber plötzlich heißt es seit dem 14.01.2013 in den Medien, das Gesetz könne noch nicht eingebracht werden, Silvia Löhrmann wolle doch zunächst auf die zahlreichen Einwände von Eltern und Lehrern eingehen. Und auf die Proteste der Kommunen und Städte.
Machen wir uns nichts vor: Allein die von den Kommunen und Städten befürchteten Kosten für die barrierefreie Gestaltung der Schulen und die Einstellung von Integrationshelfern haben das Gesetz erst einmal gestoppt. Hätten die Kommunen und Städte dem Schulministerium nicht mit Prozessen gedroht, wäre es wie geplant beschlossen worden. Und anschließend mit Hilfe von Erlassen an den Schulen durchgepaukt worden. Ausgebadet hätten es mal wieder die Schülerinnen und Schüler, ob behindert oder nicht, sowie die Lehrer und Lehrerinnen. Die Behindertenrechtskonvention ist von der UNO am 13. Dezember 2006 verabschiedet worden. Sechs Jahre lang hat demnach das Schulministerium, von wem auch immer geleitet, nichts Planvolles und Vorausschauendes unternommen, um sie im NRW-Schulsystem gesetzmäßig zu etablieren. Vielleicht eröffnet der simple Geldmangel daher endlich mal die große Chance, dass das Schulministerium nicht das übliche Flickwerk, sondern etwas Durchdachtes und vor allem pädagogisch Fundiertes zustande bringt. Mit der Einbidung aller Betroffnenen muss dieser diffizile Prozess dringend anfangen! Und der Dienstweg sollte bitteschön diesmal außen vor bleiben!

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