Lernstandserhebung, oder: Hauptsache Test

   Auf gings diese Tage zum sechsten Mal in Folge zur fröhlichen Erhebung des Lernstandes u. a. im Fach Deutsch. Geschockt von den Ergebnissen der ersten Pisastudie hatte sich im Jahre 2005 das Schulministerium vorgenommen, die Schüler der 8. Klassen so lange in Deutsch, Mathe und Englisch zu testen, bis die Testergebnisse besser wurden. Unter, wie es scheint, Zuhilfenahme des Rateteams aus der Sendung „Wer wird Millionär“ ging man nun im Fach Deutsch daran, den Schülern Fragen zu einem gelesenen Text zu stellen, zu denen es dann vier Antworten gab, wovon die einzige richtige anzukreuzen war. Da in unserem auf Textanalyse fokussierten Deutschunterricht solche Ankreuzspielchen nicht vorkommen, fielen die Ergebnisse dieses ersten Tests auch nicht sonderlich gut aus. So hatten z. B. viele Schüler zu Recht geglaubt, es könne von den vier Antworten mehr als eine richtig sein, waren sie es doch von ihren Deutschlehrern und -innen gewohnt, keine enge Fragen, sondern weiterführende und zum Nachdenken anregende gestellt zu bekommen.
   Nach dieser ersten Erhebung des Schulpolit-Standes gegen das selbstbestimmte, differenzierte und analytisch ausgerichtete Lernen begriffen die Schulen, worum es eigentlich geht und trimmten die Kinder auf die entsprechende Taktik. Prompt ging dann auch der Ruf durch das NRW-Land, die Lesefähigkeit der Kinder habe sich erkennbar gebessert. Einfach so und praktisch von einem Schuljahr auf das andere.
   Inzwischen sind die Erhebung zu einer lieben Gewohnheit geworden, die keiner mehr missen möchte. Einmal, weil man die Ergebnisse auf einer Homepage veröffentlichen und so zeigen kann, dass man schon wieder besser geworden ist, oder noch besser: dass man wie üblich Spitze ist. Darüber hinaus haben, zumindest im Fach Deutsch, die Erhebungen einen ziemlich hohen Unterhaltungswert und tragen zu einer netten Schulatmosphäre bei. So wurden z. B. die Kinder in der Erhebung 2007 aufgefordert, alles sehr aufmerksam zu lesen, um keine Fehler zu machen, anschließend lasen sie fett gedruckt, sie hätten 90 Stunden Zeit, die Aufgaben zu lösen. Oder die Vierzehnjährigen durften sich mal in die Welt einer 45jährigen Alkoholikerin versetzen, die ihre Tage am liebsten unter saufenden Männern in ihrer Stammtischkneipe verbringt. Oder sie durften, wie bei der letzten Erhebung, 40 Minuten lang einer CD lauschen. Da hörten sie dann einen Text, zu dem sie in genau abgemessenen Pausen das übliche „Wer-wird-Millionär-Ankreuzspielchen“ machen mussten. Derweilen grübelten die Deutschlehrer und -innen, warum man ihnen in der Ausbildung eingehämmert hat, der 40minütige Lehrervortrag habe ausgedient, da kein Schüler dabei etwas lerne.
   In der aktuellen Lernstandserhebung ging es besonders lustig zu. Hier lasen z. B. die Schüler in einem Text über Fotografie, dass „es dem Franzosen Louis Jacques Dauguerre (…) gelang, ein Bild auf einer mit Silber beschichteten Kupferplatte festzuhalten.“ Eine der Fragen zum Text lautete dann: „Wieso hieß die Erfindung ‚Dauguerrotypie‘?“ Unter der Annahme, dass man sie wie bei der 64000-Euro-Frage hinters Licht führen will, suchten die Schüler vergeblich in dem Text nach der Antwort, was eine „Typie“ ist. Erst die Anweisung des Lehrers: „Denkt hier mal so einfach wie nur möglich!“ brachte sie auf die erwartete Antwort: „Weil sie ein Mann namens Dauguerre erfunden hat.“
   Darüber hinaus durften in dieser Erhebung Schüler ein bisschen Mathe machen, indem sie zwei Zahlen in einer Statistik addierten. Am lustigsten ging es aber da zu, wo sie zeigen konnten, dass sie echte Indianer sind. Sie mussten sich nämlich ganz genau acht sehr alte Fotografien ansehen, auf denen ein galoppierendes Pferd zu war. Anschließend mussten sie angeben, auf welchen zwei Fotografien zu sehen ist, dass das Pferd „fliegt“, also mit keinem Hufen den Boden berührt.
  Wenn sich nun in diesem Blog ein Uneingeweihter verirrt hat und sich ernsthaft fragt, was das Ganze zur Verbesserung des Deutschunterrichts beitragen soll, so muss der Verfasser mit den Schultern zucken. Ein einziges Mal erhielten bisher Schüler einen Auswertungsbogen, in dem sie etwas über ihre Lesestärken und -schwächen mitgeteilt bekamen. Da diese Auswertung aber erst Monate nach dem Test erstellt wurde, interessierte sie niemanden mehr. Welche Lesetypen es gibt, beantworten die Erhebungen nicht. Sie beantworten auch nicht, welche Situationen dem Lesen zu- oder abträglich sind. Oder wie sich das genießende Lesen einer spannenden Abenteuergeschichte von dem analytischen Lesen eines Textes unterscheidet. Oder auf welche Art soziokulturelle Bedingungen die Lesefähigkeit beeinflussen. Kurzum der diagnostische Wert dieser Erhebungen liegt bei glatt Null, da er zu indifferent ist. Indifferent deshalb, weil er die gesamte Lese-Vita des Achtklässlers „austestet“ und z. B. die Fachkonferenz Deutsch eines Gymnasiums absolut nicht feststellen kann, welche tieferen und zeitlich weit zurückliegenden Ursachen eine eventuelle Leseschwäche hat. Dementsprechend ist seit 2005 auch nichts passiert und es wird auch zukünftig nichts passieren, was irgendwelche Auswirkungen auf die Methoden des Deutschunterrichts hätte. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens der Spaßfaktor erhalten bleibt.

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