Deutschunterricht besser ohne Pisa

Seit dem 8.12. 2010 wissen wir mal wieder genau, wie Deutschland bei der neuesten Pisastudie abgeschnitten hat. In naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik sind wir näher an die Spitze herangerückt (Platz 10 bzw 9), in der Lesekompetenz dagegen haben wir uns nur ein wenig verbessert, aber immerhin.
Warum wir immer noch Mittelmaß sind, wird einhellig damit begründet, dass die Lesefähigkeit in sogenannten bildungsfernen Familien oder bei Familien mit Migrationshintergrund nicht zureichend gefördert wird.
Was aber ist mit den Fünfzehnjährigen, die aus bildungsnahen Familien kommen? Warum zum Beispiel schlagen sich Gymnasiasten nicht erheblich besser als der Durchschnitt? Laut einem Bericht des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels haben die Kinder- und Jugendbuchverlage in Deutschland 2009 72,3 Millionen Bücher verkauft. Weiter heißt es: „Die Anzahl der Kinder- und Jugendbuchkäufer ist leicht angewachsen auf 14,1 Millionen in 2009, sie kaufen jährlich durchschnittlich 5,1 Kinder- oder Jugendbücher und geben dafür etwa 42 Euro aus.“
Die Zahlen besagen doch letztendlich, dass zumindest in den bildungsnahen Familien viel gelesen wird, in manchen wohl sehr viel. Wie verträgt sich dann aber die Lesekompetenz des so viel lesenden Jugendlichen mit den mittelmäßigen Ergebnissen des Pisatests?
Sie verträgt sich damit insofern, als der Deutschunterricht diesen Leser nicht auf die Tests vorbereitet, die ihm bei der Pisastudie vorgesetzt werden.
Jeder, der in NRW mit seinen achten Klassen an den Lernstandserhebungen Deutsch teilgenommen hat, weiß inzwischen, wie man es schafft, eine Klasse beim Test der Lesekompetenzen gut aussehen zu lassen. Zunächst muss man die Schüler darauf trimmen, bei den nach „Wer-wird-Millionär“-Manier gebotenen vier Antworten zu einer Textfrage genau hinzuschauen. Wer die Lernstandserhebungen ausgewertet hat, wird schon öfter den Kopf darüber geschüttelt haben, dass sehr gute Schüler beim Ankreuzen der richtigen Antwort auf eine läppische Frage schwer daneben gehauen haben. Einfach so. Nicht richtig hingeschaut, über die Witzigkeit – oder leider noch öfter: Dämlichkeit – der Antworten gelacht, vom Nachbarn abgelenkt worden: Gründe, die ein solches Versagen erklären, gibt es jede Menge. Also heißt es hier: Konzentration und ernst bleiben, auch wenn es schwer fällt. Bei Aufgaben, bei denen Schüler ihre Meinung zu einem Problem (z.B. aus dem Text ersichtliche Gründe für das Handeln einer Person) aufschreiben sollen, genügt der Tipp, möglichst mehrere Sätze zu schreiben. Das reicht dann bei der Auswertung meistens schon für Pluspunkte wegen größerer Ausdifferenzierung. Übt man auch die anderen Aufgabenarten (z.B. Zuordnen verschiedener Aussagen zueiander, Nummerierung von Aussagen nach ihrem Vorkommen in Texten u.ä.) vorher zureichend, sind die Ergebnisse anschließend gut bis sehr gut.
Mit dem Deutschunterricht, wie er im Idealfall stattfinden sollte, haben solche Tests nichts zu tun. Der Schüler wird nicht aufgefordert, eigene Positionen gegenüber einem Text zu definieren, er setzt sich keine eigenen Analyseziele, er deutet keine sprachlichen Besonderheiten, die ihm wichtig erscheinen und das Allerwichtigste: er geht nicht systematisch an die Erschließung eines Textes heran. Stattdessen darf er in einem solchen Test immer unter Zeitdruck bereits von anderen Vorgedachtes richtig oder falsch ankreuzen. Was ihm am Ende dann bescheinigt wird, hat wenig mit seiner Lesefähigkeit zu tun, sondern mehr mit seiner allgemeinen Intelligenz und seiner Fähigkeit, solche Tests zu durchschauen und zu bewältigen (in einem Land wie Südkorea hängt das schulische Überleben von der Fähigkeit, solche Tests zu bestehen, wesentlich ab; wegen des permanent stattfindenden Drills in Nachhilfestunden können die Schüler dann auch „unheimlich“ gut lesen).
Also – investieren wir lieber alle Mittel und alle Zeit in die frühkindliche Leseförderung (hier vordringlich Ausbau der Stadtbüchereien und nicht Schließungen derselben!!!) und in einen guten Deutschunterricht.
Zum guten Schluss: Bei der diesjährigen Pisa-Studie hat Österreich erheblich schlechter abgeschnitten als in den vorhergegangenen Studien. Als Grund für den „Einbruch“ der Lesefähigkeit haben die österreichischen Lehrer angegeben, dass die Schüler massenhaft keine Lust auf die Studie hatten und sie nicht ernst genommen haben.

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