Von der Qualitätskontrolle zur fetten Pommes

Das dürfte noch in guter Erinnerung sein: Mit großen Tamtam startete die damalige Schulministerin Barbara Sommer im Jahr 2006 die Qualitätsanalyse an den Schulen. Schulinspektoren, bewaffnet mit Laptops, bzw. den darauf befindlichen Analyseprogrammen, fielen in die Schulen ein und verwahrten sich erst einmal unisono gegen das Wort „Kontrolle“. Nein, Kontrolle sollte die Schulinspektion nicht sein, vielmehr Hilfe zur Qualitätssteigerung durch Evaluation. Was folgte, waren stundenlange Konferenzen, in denen die Inspektoren der gesamten Schulgemeinde klarmachten, was sie eigentlich wollen und was nicht. Dann ging’s los: Schülerlotsen lotsten nach einem ausgeklügelten Plan die Inspektoren in die Klassen (immer mit Überraschungseffekt, weil man ja – ein Beweis echten Humors! – das „wahre“ Schulleben kennenlernen wollte), wo sie 20 Minuten verweilten und alle möglichen Daten in ihre Laptops reinhackten. Nach zwei Wochen waren sie dann fort, um bald mit einer Marathonkonferenz wiederzukommen. Unterstützt von Power-Point-Präsentationen zeigten sie auf, welche Stärken und welche Schwächen die jeweilige Schule hat. Zielvereinbarungen wurden formuliert und unterschrieben, die Fachkonferenzen in zeitraubende Curriculumdiskussionen und -erarbeitungen getrieben, ja, es war in der beschaulichen NRW-Schullandschaft mal richtig was los, sozusagen Stressfaktor XXL.
Nun neigt sich bald das Jahr 2010 seinem Ende zu, und es stellt sich die Frage: Hat sich seit dieser Qualitätskontrolle irgendetwas an der Qualität unserer Schulen zum Besseren verändert?
Die soeben erschienene Studie von McKinsey „How the world’s most improved school systems keep getting better“ greift das Thema „Qualitätverbesserung des Unterrichts“ zum ersten Mal global auf. Weltweit wurden 575 Reformaßnahmen analysiert und dazu Interviews mit über 200 Lehrern und Wissenschaftlern geführt. Die erste Erkenntnis ist: strukturelle Änderungen (z.B. längeres gemeinsames Lernen), Verlängerungen oder Verkürzungen von Schuljahren bringen wenig. Viel mehr Erfolg hat dagegen die Maßnahme, bereits in der Lehrerausbildung die Qualität des Lehrens zu verbessern (strenge Auswahl der Bewerber, mehr Praxisbezug). Als besonders förderlich haben sich eine Stärkung der Eigenverantwortung der Schulen (Dezentralisierung), ein gezieltes Coaching der Lehrer und gegenseitiges Feedback zum Unterricht sowie Karrierepfade mit entsprechend gestuftem Gehalt für die Spezialisierung von Lehrkräften herausgestellt.
Ist von solchen Maßnahmen irgendetwas in NRW bekannt? Haben die Bezirksregierungen den Schulen mehr Eigenverantwortung bei der Planung und Durchführung ihres Unterrichts zugebilligt? Ist die Unterrichtsbelastung der Lehrer irgendwo reduziert worden, damit man sich endlich mal Zeit nehmen kann, einen Kollegen im Unterricht zu besuchen und ihm eine Rückmeldung zu geben? Nachdem man erst einmal an der Schule eine Atmosphäre geschaffen hat, in der solche Besuche als Hilfe und nicht als von oben verordnete „Unterrichtsspionage“ zum Zwecke der dienstlichen Beurteilung empfunden werden? Hat jemand irgendetwas davon gehört, dass Bemühungen um Verbesserung der Unterrichtsqualität mit Karriere belohnt werden?
Dem Autor dieses Beitrags ist nichts dergleichen bekannt.
Stattdessen hat man dem System Schule den Ganztag verordnet und dazu die schöne Homepage www.ganztag.nrw.de gebastelt. Hier gibt es allerlei Buntes an Gedanken und dazu noch Gaga-Lyrik für den Freund der hohen Sprachkunst. Zum Beispiel wenn die Rede davon ist, „die Zeitstunden des gebundenen Ganztags, die nicht durch Unterricht gebunden sind, für ein integriertes Konzept von Lernzeiten zu nutzen, das Hausaufgaben weitestgehend überflüssig macht und damit den Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit mehr Flexibilität einräumt.“ Oder wenn man liest: „Jede gebundene Ganztagsschule bietet (…) eine Mischung aus dem überschaubaren verpflichtenden Teil (integrierte Lernzeiten) und aus weiteren freiwilligen Angeboten (von der Theatergruppe bis zur Schülerfirma)“.
Soweit die Welt der im Traum Verirrten.
Die Wirklichkeit, mit der sich Lernende und Lehrende tagtäglich auseinandersetzen zu haben, sieht dagegen so aus: Am Nachmittag findet ganz gewöhnlicher Unterricht statt. Das heißt: All die Stunden, die man wegen der verkürzten Schulzeit nicht mehr vormittags unterbringen konnte, sind in den Nachmittag verlagert worden. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Nach der 6. Stunde erst einmal irgendwo was zu essen bekommen. Dazu meidet man aber die Mensa, da da Essen dort meist aus irgendeiner zerkochten Pampe besteht (s. Bericht zur Qualität des Mensaessens weiter unten!). Die Pommesbude oder der Pizzabäcker sind gefälliger; zwar ist das Essen wegen des Fettgehalts gesundheitsschädlicher als das aus der Mensa, aber es schmeckt wenigstens und man kann auch nach außen dokumentieren, dass man es sich leisten kann, teurer als in der Mensa zu essen.
Durch die dann anstehenden zwei Unterrichtsstunden mogelt man sich mit vollgeschlagenem Bauch irgendwie durch. Das geht auch nicht anders, denn der Kopf ist von 8 Uhr morgens permanent mit Wissen vollgestopft worden, jetzt, am Nachmittag, sagt das Schülergehirn einfach: „Nichts geht mehr. Weder rein noch raus“. Wenn es endlich auf 16 Uhr zugeht, ist bei allen Beteiligten lediglich ein einziger Effekt zu vermelden: Erleichterung, dass es vorbei ist. Von einer wie auch immer gearteten Qualität des Lehrens und Lernens ist man dabei so unendlich weit entfernt, wie die Mozartkugel von der Mozartmusik.
Und unsere neue Schulministerin Sylvia Löhrmann? Die, hört man, bastelt sporadisch an der Gemeinschaftsschule, also wenn es sich gerade mal ergibt und auch nicht zu viel, weil ihr dafür die Mehrheiten im Landtag fehlen. Auf die groß angekündigte Rückkehr zum G9-System hat sie jetzt, wo alle Schulen Nein gesagt haben, auch keinen Bock mehr. Ansonsten freut sie sich darüber, wie weit sie es im Leben gebracht hat, nämlich überraschenderweise bis zu einer Schulministerin. Und zu einem eigenen Chauffeur, der sie in einem Regierungswagen rumfährt. Der unter ökologischen Aspekten eine Dreckschleuder sondergleichen ist. Aber das wäre jetzt ein Thema für einen Öko-Blog. Also lassen wir es hier sein …

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