Der große Augenreib!

Man muss schon die Grammatik verbiegen, um das Staunen auszudrücken, das einen heute bei der Lektüre der Tageszeitung heimsuchen konnte. Da erklärt doch Ute Schäfer, vom 2002 bis 2005 Schulministerin in NRW: „Die Kompetenz für Bildung liegt eindeutig bei uns, wir sind gewählt worden, um diesen Politikwechsel zu gestalten.“ (WAZ, 31.05.2010, S.1) Erst einmal sollte man hier festhalten, dass der konstatierte Auftrag zum Wechsel mit dem schlechtesten Wahlergebnis der SPD in NRW einhergegangen ist (Wahl 2005: 37.1 %,2010: 34,5%). Die Massen von Eltern, die eine Änderung des Schulsystems herbeisehnten – das schwingt in dem Satz mit -, hat es also gar nicht gegeben. Im Gegenteil – schaut man sich die schlechte Wahlbeteiligung an, dann sind die Massen ganz offensichtlich zu Hause geblieben.
Nun aber erinnern wir uns doch einmal weiter zurück, was die „Kompetenz der Bildung“ der SPD betrifft: Die nach der Oberstufenreform 1978 entflammte Bildungs-Euphorie (es wurden massenhaft neue Stellen geschaffen, man wurde mehr oder minder automatisch befördert und die Stundenzahl lag defacto bei Korrekturfächern bei 21 Wochenstunden) fand im November 1980 abrupt ihr Ende. Allen, die damals im Referendariat steckten, wurde vom Kultusminister Jürgen Girgensohn (SPD) erklärt, es gäbe wegen der desolaten Haushaltslage einen Einstellungsstopp. Zum ersten Mal in der Geschichte NRWs bekamen frisch ausgebildete Lehrer nur einen Angestelltenvertrag für ein halbes Jahr und durften sich am Ende des Schuljahres 80/81 erst einmal in die Arbeitslosigkeit verabschieden. Was dann unter Girgensohn und nahtlos weiter unter Hans Schwier (Kultusminister NRW 1983 – 1995) folgte, war absoluter Stillstand bei der Entwicklung von schulischen Konzepten. Stattdessen widmete man sich mit aller Kraft einer Unzahl von Gerichtsverfahren, in denen mit Zeitverträgen eingestellte Kolleginnen und Kollegen den Nachweis führten, dass sie die gleiche Arbeit machten wie ihre verbeamteten Kollegen. Eine bisher unbekannte Zahl von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern suchte sich einen anderen Job und war für die Schule verloren. Diejenigen jungen Menschen, die trotzdem den Beruf des Lehrers ergreifen wollten, wurden davor gewarnt, es zu tun. Wer dann noch auf Lehrer studierte, war entweder ein leidenschaftlicher Optimist oder er hatte keine andere Idee. (Nur mal nebenbei bemerkt: Die Letzteren waren dann die Referendarinnen oder Referendare, die zum Ensetzen der Kolleginnen und Kollegen noch nicht einmal ein vernünftiges Grundwissen in ihren Fächern mitbrachten.)
Auf Hans Schwier folgte 1995 als Schulministerin Gabriele Behler. Ausgehend wohl von ihrer eigenen Einstellung zum Dienst, verfiel sie auf die Idee, den Lehrern einmal klipp und klar zu zeigen, dass sie zu wenig arbeiten. Der Unternehmensberater Mummert & Partner wurde für 5 Millionen Mark damit beauftragt, die Studie zur Lehrerarbeitszeit in NRW durchzuführen. Was folgte, waren Berge von Listen, in denen die Lehrer jede Minute ihrer Arbeitszeit dokumentieren mussten (der Autor dieses Beitrags war mit dabei!). Darüber hinaus musste man drei Wochen lang in elektronisches Gerät bedienen, das wie die Totmannschaltung piepste, wenn man nicht alle paar Minuten draufdrückte.
Am Ende der Studie stellte sich heraus, dass Lehrer z.T. auf eine 70-Stunden-Woche kommen (Ferien schon abgezogen). Gabriele Behler kommentierte das damals so, dass diese Lehrerinnen und Lehrer unfähig seien, ihren Zeitaufwand für die Schule sinnvoll zu beschränken. Heißt: Wer viel arbeitet, hat keine Ahnung und ist selber schuld. Was passierte sonst noch? Nichts. Die Studie verschwand erst in Behlers Schublade, dann im großen Schredder des Ministeriums. Übrig blieb ein wenig Geplapper zum Thema „gerechtere Belastung von Lehrern“ (wer noch einmal in Nostalgie schwelgen möchte, kann hier dazu auf der Seite des Schulministeriums noch viel mehr lesen). Anschließend erhöhte man 1997 vorsorglich die Arbeitszeit aller Lehrer in NRW auf 24,5 Wochenstunden.
Dann schließlich 2000 der Pisa-Schock, bei dem besonders die Hauptschüler in NRW als Verlierer im Bildungssystem herausgestellt werden. Dazu entwickelt Gabriele Behler einfach mal so die Idee, Kindern schon im Kindergarten das Lesen beizubringen oder sie früher einzuschulen (und das, obwohl die Pisa-Studie gezeigt hat, dass frühere Einschulungen nichts mit dem späteren Lernerfolg zu tun haben). Ein bisschen noch sagte sie was zu Migrantenkindern und sie überlegte, die Schulen selbstständiger zu machen. Ganz zum Schluss, also knapp vor ihrer Abwahl 2005, brachte die SPD noch die verkürzte Schulzeit im Gymnasium zustande. Ein tragfähiges Konzept musste sie dann nicht mehr entwickeln, das durfte die CDU mit Barbara Sommer machen (über die Schwächen dieses Konzepts und seine Fehler wurde hier im Blog zu genüge berichtet).
Und nun also die SPD als die Partei mit der größeren Kompetenz bei der Bildung. Man darf gespannt sein, was uns außer von Traumtanzkunststücken (mehr inidivuelle Förderung des Einzelnen, kleinere Klassen, Entlastung der Lehrer von Verwaltungsarbeiten usw.und so trallala) demnächst an guten Konzepten präsentiert wird.

Dieser Beitrag wurde unter SPD-Schulkonzept veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar