Die Gemeinschaftsschule der SPD


Was die derzeitige schwarz-gelbe Regierung in NRW schulpolitisch nach dem Wahlsieg im Mai machen will, muss jemandem, der die letzten 5 Jahre mit Schule zu tun hatte, nicht groß erzählt werden: Ausbau des Ganztags, individuelle Förderung der Schüler und vor allem Beseitigung all der Fehler, die man sich in dem eiligst zusammengeschusterten G8-Abi geleistet hat.
Interessanter wird es eher, wenn man sich einmal anschaut, welche Vorstellung von Schule die SPD entwickelt hat, nachdem sie Zeit hatte, ungestört vom Tagesgeschäft 5 Jahre darüber nachzudenken.
Besucht man einmal die entsprechenden Wahlprogrammseiten im Netz, begegnet einem zunächst nur wohlbekannte Thesen, bei denen es allerdings manchmal am argumentativen Feinschliff, bzw. der argumentativen Schlagkraft fehlt: Bildung soll durch Gebührenfreiheit gerechter werden („Bildung ist mehr als Wissensvermittlung“), es soll eine neue Lernkultur geben(„Ein gutes Bildungssystem muss junge Menschen auf lebenslanges Lernen vorbereiten“, Bildung von Anfang an („Gute Bildung beginnt früh“).
Dann aber wird es wirklich interessant, die Gemeinschaftsschule wird als Schule der Zukunft vorgestellt: „Die Gemeinschaftsschule ist eine Ganztagsschule. Sie nimmt die Kinder nach der Grundschule auf und ist bis zur Klasse 10 für deren Bildungserfolg verantwortlich. In den Klassen 5 und 6 findet für alle Kinder ein gemeinsamer Unterricht statt. Eltern, Schule und Schulträger entscheiden, ob ab der siebten Klasse weiterhin ein vollständig integrativer Unterricht stattfindet oder ob eine Differenzierung (beispielweise in Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialklassen) vorgenommen wird. Am Ende der Klasse 10 können auf der Gemeinschaftsschule alle Abschlüsse der Sekundarstufe I erreicht werden.“
Nun versucht sich der Autor dieser Zeilen einmal vorzustellen, wie das in der Praxis ablaufen wird. Zu Beginn eines Schuljahres werden die vierten Klassen der Grundschulen, die bekannterweise keine Klassenräume für den 5. und 6. Jahrgang haben, geschlossen an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien „verfrachtet“. Die „neuen“ Schulen werden nach Wohnortnähe ausgesucht. Individualisierende Wünsche der Eltern („Wir finden die andere Schule aber besser ausgestattet!“) müssen dabei zwingend unberücksichtigt bleiben, da sie zur Zerschlagung der Lerngemeinschaften führen würden.
An den empfangenden Schulen begegnen die Kinder nun ihren vollkommen neuen Lehrerinnen und Lehrern und einer neuen Lernkultur. Dazu die SPD in ihrem Schulprogramm: „Jede Schülerin, jeder Schüler erhält einen individuellen Lern- und Förderplan. Wir wollen, dass der Unterricht neu organisiert und gestaltet wird. Lernen in Projekten und fächerübergreifendes Lernen erfordern flexiblere Organisationsstrukturen. Ziel ist die konsequente Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Fähigkeiten. Um diese Ziele zu erreichen, brauchen Lehrerinnen und Lehrer entsprechende Ressourcen, Zeit sowie Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten.“
Besonders der letzte Satz und die Tatsache, dass es mittelfristig „Klassengrößen von höchstens 25 Schülerinnen und Schülern“ und „ein Recht auf Ganztag“ geben soll, bringen den Verfasser nun aber schon an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Abgesehen davon, dass das Ausbildungssystem für Lehrer (Universitäten, Seminare) noch nicht einmal ansatzweise ein Konzept für dieses neue Lernen in Angriff genommen hat (man hat sich gerade mal ein bisschen bei den Skandinaviern umgeschaut und es wieder sein gelassen), stöhnen schon jetzt die Kollegien aller Schulen unter einem eklatanten Lehrermangel. 30 Jahre lang hat nämlich die SPD in NRW junge Menschen durch ihre Bildungspolitik davor abgeschreckt, ein Lehramtsstudium anzufangen, bedeutete ein solches Studium doch, dass man fast automatisch in der Arbeitslosigkeit landete. Die inzwischen im internationalen Vergleich schwer gealterten Kollegien in NRW, die alle Mühe haben, wegen Unterbesetzung und Krankheit ausgefallene Stunden zu vertreten, sollen also „Zeit sowie Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten“ bekommen? Und die gewachsene Anzahl von kleineren Klassen betreuen? Und den Ganztag schultern?
Selten hat sich ein Bildungsprogramm an seiner zentralen Stelle als derart realitätsfern erwiesen. Wird es dennoch durchgesetzt, bedeutet das für Lehrerinnen und Lehrer eine katastrophale Mehrbelastung. Wo da die neue schöne Gemeinschafts-Lern-Welt der Kinder bleiben wird, kann man sich gut vorstellen: auf der Strecke.

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