Für Fantasy-Liebhaber: Die Reise in das märchenhafte Land der Vertiefungskurse

Überbordende Lehrpläne nah am Chaos, auf die Schnelle zusammengeschusterte Lehrwerke voller Fehler, mit fetten Pizzas vollgestopfte, schläfrig im Nachmittagsunterricht abhängende Schüler, entnervte Lehrer, von einer ratlos stammelnden Schulministerin ermahnt, den Kindern weniger beizubringen, verunsicherte Eltern, die ihren vom Schulstress gebeutelten Kindern keine Kindheit mehr verschaffen können, kurzum: die Schulzeitverkürzung.
Gleich dem Fluch eines bösen Zaubrers (sprich: von der Wirtschaft kräftig gesponserten Politikern, die junge Menschen möglichst schnell der industriellen Verwurstung zuführen wollen) hat sich die Schulzeitverkürzung über das schöne Land Nordrhein-Westfalen gelegt und seinen Bewohnern die Hoffnung geraubt, je wieder im Kontext von Schule so etwas wie Glück erleben zu dürfen.
Doch nun ist unerwartet ein Märchen geschehen (also nicht nur ein Wunder, sondern gleich eine signifikant auffällige Häufung von Wundern), und es gilt landesweit laut zu verkünden: Hört, ihr Mutlosen und Verzweifelten! Der Fluch des mächtigen Zaubrers ist gebrochen! Das aus der Schule verbannte Glück ist in dieselbe zurückgekehrt! Schöner, größer und mächtiger als je zuvor kommt es in der strahlenden Gestalt eines Jünglings mit dem wohlklingenden Namen Vertiefungskurs in der Oberstufe!
Man verzeihe dem Autor dieser Zeilen die Begeisterung, aber er steht noch ganz unter dem zauberhaften Bann des Märchens, das soeben auf der Homepage des Schulministeriums erschienen ist
und leider den ein wenig grauen Titel „Handreichung für Vertiefungsfächer in der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe“ trägt.
Doch stören wir uns nicht daran und tauchen ein in die Welt der wundersamsten Wunder!(Anm. In Anführungszeichen befinden sich ausschließlich Textstellen aus der Handreichung!)
Wie zu Beginn aller Märchen haben wir es auch bei der Handreichung zunächst mit einem Schüler zu tun, der auf seinem verkürzten Weg in die Oberstufe völlig unverschuldet mit einem hässlichen Fluch belegt wurde (z. B. Fluch der Faulheit, Fluch des ausufernden Konsums von RTL, Fluch des falschen Elternhauses und im schlimmsten Falle – Fluch des vom falschen Elternhaus erzwungenen Besuchs einer falschen Schulform). Dieser verfluchte Schüler muss nun, ganz dem romantischen Prinzip des Kunstmärchens folgend, mit ganzem Herzen und dem dazugehörigen ganzen Geist danach verlangen, in das fantastische Reich des Vertiefungsfaches reingelassen zu werden. Dazu wird er strengen Prüfungen unterworfen, die da heißen „Beobachtungen und Prognosen […] [der] Konferenz der jeweiligen Fachlehrerinnen und Fachlehrer“. Entscheidet nun dieses mächtige Gremium, dass der Schüler „über die erforderlichen Kompetenzen verfügt, um langfristig in der gymnasialen Oberstufe erfolgreich mitarbeiten zu können“, so wird ihm der Zutritt gewährt. Allerdings muss er es wirklich sehr, sehr, sehr wollen. Ist das nicht der Fall, dann gibt es „keine rechtliche Handhabe, die Teilnahme zu erzwingen“. Bravo! ruft hier der versierte Märchenleser, denn im Umkehrschluss bedeutete eine „rechtliche Handhabe“, dass der Schüler sich in einen Vertiefungskurs einklagen könnte. Das ist in einem Märchen nicht vorgesehen, fataler noch – es würde das Ende der Fantasie bedeuten und damit das Genre des Märchens unwiederbringlich vernichten.
Unserer Schüler jedoch will wie noch nie in seinem verkürzten Schulleben, und er darf in das wundersame Reich des Vertiefungskurses eintreten. Er hat alles Mögliche erwartet, nur nicht das grandiose Schauspiel, das sich ihm gleich Eingangs bietet: Aus einer Höhle namens Bildung stürzt sich feuerspeiend und brüllend der ihm so verhasste Drache namens Nachhilfe auf ihn, wird aber schon nach dem ersten Schritt von einem gewaltigen Formulierungsblitz getroffen und tödlich erschlagen. Obwohl der Schüler sonst immer Probleme mit dem Lesen von Sach- und sonstigen Texten hat, konnte er diesmal problemlos mitlesen, was auf dem Formulierungsblitz gestanden hatte: „Vertiefungskurse“, war dort in flammenden Lettern verzeichnet gewesen, „verfügen […] über ein eigenes Curriculum und sind auf systematische Lernprogression ausgerichtet, was sie grundlegend von ‚Nachhilfekursen‘ unterscheidet, die darauf abzielen, auftretende Defizite ad hoc aufzuarbeiten.“ Dem Schüler treten Tränen des Glücks in die Augen – wie hatte ihn der böse Drache Nachhilfe seit seiner frühesten Kindheit gequält, nun liegt er tot vor ihm und wird für immer so liegen bleiben!
Jetzt erklingt auch sphärische Musik aus dem Off und eine süße Stimme verkündet dem Schüler: Tritt nur ohne Furcht ein in das Reich des wundersamen Vertiefungskurses und weile hier zwei Stunden in der Woche in Deutsch und zwei in Mathematik und zwei in der Fremdsprache, was addiert also sechs ergibt! Sofern du Lust hast. Hast du keine, wird deine Leistung als „nicht beurteilt ausgewiesen“ werden, wirst du aber Lust haben, so wird deine Leistung als „teilgenommen“ oder „mit Erfolg teilgenommen“ oder gar „mit besonderem Erfolg teilgenommen“ ausgewiesen werden. Welchen Erfolg du haben wirst, entscheidest du ganz allein, denn es wird hier nicht dein Wissensstand beurteilt, sondern deine „Lernausgangslage mit dem erreichten Lernstand zum Abschluss des Kurses“ verglichen. Solltest du am Ende das Gefühl haben, dein Aufenthalt im zauberhaften Vertiefungskurs solle auf ewig und immer dein Geheimnis bleiben, so höre das elfte Gebot, das nur in unserem Märchenland gilt: „Sollte es als Nachteil empfunden werden, wenn auf Abgangs- und Abschlusszeugnissen die Teilnahme am Vertiefungsunterricht ausgewiesen wird, so kann auf Wunsch der Schülerin, des Schülers davon abgesehen werden (VV zu § 13 APO-GOSt).“
Also keine Noten? Keine Zeugnisvermerke? fragt der Schüler. Und was ist mit Klausuren?
„Schriftliche Leistungsüberprüfungen (Klausuren) [sind] nicht vorgesehen“, säuselt die süße Stimme, „wohl aber geeignete Formen der Feststellung der Lernausgangslage und der Ergebnissicherung, die der Diagnose, nicht der Leistungsbeurteilung dienen. Auf Hausaufgaben sollte verzichtet werden, um eine Überforderung zu vermeiden.“
Das ist für den Schüler zu viel. Er setzt sich erstmal hin und heult hemmungslos vor Glück.
Dann aber bemerkt er am Horizont des Märchenlandes ein immer stärker werdendes Licht, in dem die Konturen des Lehrers zu erkennen sind. Der Schüler kennt ihn schon seit einer Ewigkeit – ein tumber Gnom, bei dem er Stunde für Stunde den „kognitiven Nachvollzug von bereits vorhandenen Lösungen“ praktizieren musste, der nur in kleinen Schrittchen gedacht hat, der sein positives Selbstbild zerstört hat, der seine „Neugier und Interesse an Lerngegenständen“ überhaupt nicht gekannt hat, ihm kein „Gefühl von Akzeptanz“ vermittelt hat, der tatenlos zugesehen hat, wie er als Schüler mit „Misserfolgserfahrungen […] häufig dazu [geneigt hat], sich keine angemessenen Ziele zu setzen“, der einen unfreundlichen Umgangston gepflegt hat, nicht fürsorglich war und sich einen Dreck um „außerunterrichtliche Interessen von Schülerinnen und Schülern“ geschert hat.
Doch als das blendende Licht verlöscht, ist der Schüler mehr als verdattert – der widerliche Gnom hat eine Metamorphose durchlaufen und steht nun vor ihm in der Gestalt eines jungen Pädagogik-Gottes, der ihm die Hand entgegenstreckt.
Komm mit, lass uns im Märchengarten des Vertiefungskurses lustwandeln, spricht er zu unserem Schüler, und ich werde dich in seine Zaubergeheimnisse einführen, auf dass du schlau und vielleicht sogar weise wirst!
Sie gehen los, und der Lehrer führt die folgende Rede:
Wisse, dass es bei uns einen Alchimisten namens Andreas Helmke gibt, der zusammen mit seinen fleißigen Gehilfen (Heymann, Neumann und zahllose andere) den Stein des erfolgreichen Pädagogen gefunden und dazu folgendes aufgeschrieben hat: „Es ‚gibt zwar nicht die `richtige´ Unterrichtsmethode, aber es gibt sehr wohl Qualitätsprinzipien des Unterrichts, die unbedingt und fraglos gültig sind.'“ Eines dieser Prinzipien ist der „Umgang mit Heterogenität und die Individualisierung“. Es ist daher wichtig, „die Lernenden in die Planung einzubeziehen und ihnen Spielräume zur Gestaltung ihres eigenen Lernwegs zu eröffnen“. Ab sofort wird das mit dir geschehen, du wirst Spielräume bekommen und dir einen eigenen Lernweg eröffnen!
Geil!, ruft hier unser Schüler. Ich wollte schon immer einen eigenen Lernweg einschlagen, war dazu aber nicht heterogen genug!
Jetzt bist du es!, bestätigt ihn der Lehrer und fährt dann fort: Wir werden hier nicht nur Spielräume nutzen, sondern sie auch erweitern „und methodisch-didaktisch auch neue Wege gehen. In der fachlichen Diskussion um kompetenzorientierten Unterricht wird betont, dass Kompetenzerwerb weniger im kognitiven Nachvollzug von bereits vorhandenen Lösungen geschieht, sondern in der eigenen konstruktiven Problembewältigung. Als didaktisches Prinzip beinhaltet dies eine Verschränkung von Wissenschafts- und Situationsprinzip, von Wissen und Handeln.“
Das ist es, begeistert sich hier unser Schüler, was mir im bisherigen Unterricht, also die letzten neun Jahre, komplett gefehlt hat! Kein Lehrer hat je im Unterricht versucht, mir beizubringen, dass ich Probleme konstruktiv lösen kann. Ich musste immer nur kognitiv nachvollziehen. Wissen und Handeln waren bei mir auch nicht verschränkt, obwohl ich es mir immer gewünscht habe!
Ha! Das ist noch längst nicht alles!, macht der Lehrer weiter. Bei uns wird nämlich „der Unterricht […] in einem längerfristigen Kontext ‚vom Ende her gedacht‘. Das bedeutet, die inhaltlichen Planungen und die methodisch-didaktischen Entscheidungen an dem auszurichten, was am Ende eines Bildungsabschnittes gekonnt werden soll, auch wenn zur tatsächlichen Zielerreichung nur ein Teilbeitrag geleistet wird.“
Auch das, erinnert sich unser Schüler, haben meine Lehrer in der Schule niemals getan. Blind wie Maulwürfe sind sie durch die Bildung gerannt, keiner wusste so recht, was er wollte.
Nicht bei uns!, beruhigt ihn der göttliche Lehrer. Wir arbeiten hier ausschließlich mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir haben zum Beispiel erkannt, „dass Haltungen und Einstellungen für erfolgversprechende, effektive Lernprozesse eine zentrale Rolle spielen.“ Wir werden uns daher bemühen, deine „Neugier und Interesse an Lerngegenständen zu wecken, die Bedeutsamkeit des Lernstoffs erkennbar zu machen und Lernfreude entstehen zu lassen.“ Damit das besonders gut gelingt, werden wir uns bemühen, „ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zu entwickeln, in dem den Schülerinnen und Schülern das Gefühl von Akzeptanz und Wertschätzung ihrer Person vermittelt wird.“
Auch das, nickt hier unser Schüler heftigst zustimmend, ist mir bisher nicht widerfahren. Ich war für die Lehrer immer nur der Abfall der Gesellschaft. Deshalb hatte ich auch keine Lust zu lernen!
Hinweg mit diesem unglücklichen Zustand!, ruft der pädagogische Lehrergott. Hier, im märchenhaften Land des Vertiefungskurses, bemühen sich alle Lehrer die „Lern- und Arbeitsprozesse mit positivem Feedback und gezielten Verbesserungsvorschlägen zu begleiten sowie Interesse für und Anteilnahme an der Leistung der Schülerinnen und Schüler zu zeigen.“ Denn: „Ein gutes Unterrichtsklima, das geprägt ist durch einen freundlichen Umgangston, eingehaltene Regeln, Fürsorge und Vertrauen oder eine angstfreie Atmosphäre in Lern- und Leistungssituationen, hat – auch da besteht Konsens in der Forschung – ebenfalls entscheidenden Einfluss auf Lernerfolge.“
Dieses und noch viel mehr Erstaunliches, ja Nie-Gehörtes und in seiner Erkenntnismächtigkeit schier Geniales erzählt der göttliche Pädagoge dem staunenden Schüler im Märchenland des Vertiefungskurses.
Und wenn er nicht aufgehört hat, erzählt er heute noch weiter.
Und wer’s nicht glaubt, der lese das wunderhübsche Märchen selbst in der Handreichung auf der Sommer-Page!

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