Rückblick – Ausblick

Eine merkwürdige Stille ist im Schulministerium eingekehrt – kaum noch hört man etwas von unserer Schulministerin Sommer, ihr Mitarbeiterstab scheint seit Oktober in den Winterschlaf gefallen zu sein. Das ist natürlich gewollt – all das Neue, das man sich hat einfallen lassen (oder das dadurch zustande gekommen ist, dass man sich gar nichts hat einfallen lassen) soll erstmal ausprobiert werden. Und dann gibt es ja noch die Wahlen im Mai 2010, da kommen Experimente eh nicht gut an.
Diese plötzliche Ruhe sollte einen aber nicht so weit einschläfern, dass man vergisst, was eigentlich alles in letzter Zeit passiert ist und welchen immensen Belastungen Lehrerinnen und Lehrer ausgesetzt waren. Der Tätigkeitsbericht des Personalrats an Gymnasien hat es dankenswerter Weise noch einmal in Erinnerung gerufen. Im Einzelnen waren es:
– die weiter zu führende Schulprogrammarbeit
-die Angleichung der schulinternen Curricula und Klassenarbeitsformate an die Kernlehrpläne inklusive Weiterleitung an und Überprüfung durch die Fachdezernenten (was hat das eigentlich mit selbstständiger Schule zu tun?)
– Betreuung von Fach- und Projektarbeiten
– Dokumentation des Arbeits- und Sozialverhaltens erst in sechs, dann in drei Fußnoten
– Verschriftlichung der individuellen Lern- und Förderempfehlungen
– Entwicklung und Umsetzung neuer Unterrichtskonzepte
– extrem zeitraubende Schulinspektionen, die trotz aller Versprechungen wenig Rat und Hilfe, stattessen aber neue Arbeitsbelastungen gebracht haben (schon allein deshalb, weil für die Durchsetzung all der hehren Ziele in den Kollegien schlicht und einfach Lehrerinnen und Lehrer fehlen!)
– Lernstandserhebungen in der 8 (eine Klassenarbeit wurde dafür gestrichen, doch jeder weiß aus der Praxis, dass die Korrektur der Schülerbögen Mehrarbeit im erheblichen Maße ist)
– zentrale Prüfungen in der 10 & Zentralabitur (das erstere in der Korrekturmenge ausufernder als das Abitur
– de facto Ganztagsbetrieb, will heißen: am Nachmittag mit Pizza und Pommes vollgestopfte Kinder, die auf alles Lust haben, nur nicht auf Unterricht.

In der Zukunft, wenn der Winterschlaf im Schulministerium beendet ist und man sich wieder daran macht, die Schule zu verbessern, müssen wir uns nebst den oben aufgezählten Belastungen noch besonders auf folgende gefasst machen:
– Fortsetzung und Ausbau des Ganztagsbetriebs ohne ein pädagogisches Gesamtkonzept (wie z.B. in den skandinavischen Ländern, in denen der Unterricht hauptsächlich projektorientiert abläuft, sodass am Nachmittag diejenigen Projektteile realisiert werden, die Schüler auch in der Lage sind am Nachmittag zu realisieren)
– ein Doppelabitur, für das es selbstverständlich keine Entlastung für die horrende Mehrarbeit geben wird
– immer mehr Praktikantinnen und Praktikanten, die von den Unis in die Klassen strömen und betreut werden müssen
– für die Gymnasien / Gesamtschulen: die zunehmende Auseinandersetzung mit Kindern, die aus allen möglichen Gründen nicht der Lage sind, die erforderlichen Kompetenzen zu erwerben, von denen die Eltern aber zwingend Erfolge erwarten, da nur noch das Abitur Garant für gesellschaftliches Fortkommen ist.

Nebenbei bemerkt: Die absehbare Folge dieser Entwicklung wird eine rapide wachsende Anzahl von Eltern sein, die im Falle eines Misserfolges ihres Kindes zu juristischen Mitteln greifen werden, um ihre Interessen durchzusetzen. Wohl ahnend, was da auf die Rechtsabteilungen der Regierungsbezirke zukommt, hat man dort jetzt schon damit begonnen, die formalen Grundlagen auszuweiten und zu zementieren, mit der man sich der Flut der Einsprüche stellen will.
In der Praxis wird das heißen: Eine pädagogische Auseinandersetzung mit den Einsprüchen wird es nicht geben, sondern nur eine formale. Hat z.B. die Fachkonferenz Englisch festgelegt, dass eine Unterrichtsreihe bis zur Klassenarbeit 18 Stunden dauern soll, wird einem elterlichen Einspruch stattgegeben werden, wenn die Reihe 17 Stunden gedauert hat. Es wird aber auch einem Einspruch stattgegeben werden, wenn die Unterrichtsreihe 19 Stunden gedauert hat, denn in diesem Fall ist das Ergebnis nicht vergleichbar mit den anderen Klassen. Gleichfalls wird einem Einspruch stattgegeben werden, wenn die Schüler nicht über die Kriterien der Notengebung aufgeklärt worden sind, wenn in den Kursheften nicht alle vorgesehenen Kästchen penibel ausgefüllt wurden usw.usf. Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie unsere Arbeit dann aussehen wird – justiziabel, aber gleichgültig den individuellen Bedürfnissen der Lernenden gegenüber.

In diesem Sinne und trotz Allem(!) wünscht der NRW-Schulblog allen Kolleginnen und Kollegen ein erfolgreiches und das große Engagement in der Schule belohnendes Jahr 2010!

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