Bei Hartz 4 angekommen

07-hartz4.jpgDiese Tage sammle ich in meiner 8 das Büchergeld ein, je nachdem, wieviele Bücher die Eltern bestellt haben, zwischen 64 und 87 Euro.
Als ich Katja (Name geändert) aufrufe, springt diese auf, rennt mit hochrotem Kopf auf mein Pult zu, legt mir ein paar zusammengeheftete und eng bedruckte DIN-A4-Blätter hin, sagt leise: „Ich habe hier eine Befreiung“ und rennt schnell wieder auf ihren Platz zurück. Ich sehe nur den Vornamen und Namen ihres Vaters als Adressaten des Schreibens und rechts oben in der Ecke das Wort „JobCenter“. In der Klasse ist es inzwischen laut geworden, also sorge ich für Ruhe und sammle noch das restliche Geld ein.
Später, in einer Freistunde, sehe ich mir die „Befreiung“ einmal genauer an und stelle fest, dass es ein Hartz-4-Bescheid für Katjas Familie ist (Vater, Mutter, Katja und ihre jüngere Schwester). Es ist das erste Mal, dass ich einen solchen Bescheid sehe. Er ist sechs Seiten lang, voller tabellarischer Berechnungen, die noch komplizierter ausfallen als mein Steuerbescheid. Ich mache mir trotzdem einmal die Mühe, sie zu verstehen, und komme dahinter, dass inclusive der Miete und der Heizkosten (diese Posten werden pro Kopf extra ausgewiesen und dann wieder zusammengerechnet) Katjas Familie monatlich 1510,53 Euro zustehen. Eigentlich stehen ihr 1838,53 Euro zu, aber das Kindergeld in Höhe von 2 x 164 Euro wird wieder abgezogen. Da keinem Arbeitnehmer sein Gehalt um das Kindergeld gekürzt wird, vermute ich dahinter die Maßnahme, dass das Kindergeld nicht der Bereicherung eines Sozialhilfe- pardon! Hartz-4-Empfängers dienen soll. Ich lerne weiterhin, dass in der Hartz-4-Gesetzgebung eine Familie als „Bedarfsgemeinschaft“ definiert und auch so angesprochen wird. Das ist sehr feinfühlig gedacht, denn so wird der Empfänger der Leistung immer ein wenig daran erinnert, dass er bedürftig ist und vom geschenkten Geld leben darf. (Ja, ich weiß, ich weiß, es gibt welche, denen passt das wunderbar, aber wir sind hier nicht bei einem Stammtisch.)
Damit der Bedürftige auch versteht, was und wie an ihn gezahlt wird, gibt es Erklärungen. Z.B. diese zum Thema „Erläuterungen zum Feld Zahlungsmodus“: „Alles/Rest – Falls nur eine Person angegeben ist, werden die gesamten Leistungen (Alles) an die angegebene Überweisungsanschrift ausgezahlt. Sind mehrere Zahlungsempfänger angegeben, werde die Restleistungen neben den eigenen Leistungen für bestimmte Personen an den unten angegebenen Zahlungsempfänger überwiesen.“ Anschließend erfolgen noch ausführlich Belehrungen zum Thema „Kranken- und Rentenversicherung“.
Der Grund für die Ausstellung des Bescheides ist übrigens eine zusätzliche Leistung gemäß §24a SGB II für das Schuljahr 2009/2010: 100 Euro pro Kind für die Schule. „Aus technischen Gründen“, heißt es dann weiter, „wird diese Leistung nicht im beigefügten Berechnungsbescheid (also den sechs DIN-A4-Seiten!) ausgewiesen.“ Der Grund dafür dürfte wohl die heiße Stricknadel sein, mit dem man den §24 zusammengeflickt hatte. Ursprünglich sollten diese 100 Euro genau wie das Kindergeld vom Bedarf der Eltern abgezogen werden, damit diese sich nicht am Schulgeld ihrer Kinder bereichern. Erst der massive Protest der Sozialverbände führte zu einer Änderung des Gesetzes.
Nach Abzug des Büchergeldes bleiben Katja noch 13 Euro „für die Schule“. Das kommentiert sich selbst.

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